Liebe Wissenschaft,
da habe ich doch gerade mit Chatty mein Lieblingsratespiel gespielt: Einer denkt an etwas, der andere muss es durch geschickte Ja-Nein-Fragen erraten. Zunächst lief alles ganz normal. Wir errieten „Televisor“, den ersten Fernseher überhaupt, die Saturn-5-Rakete und das Brandenburger Tor. Nichts Außergewöhnliches. Doch dann wollte ich Chatty mal so richtig herausfordern. Also beriet ich mich mit seinem Kumpel Jimmy, der mir einen Begriff empfahl, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Etwas, das nicht materiell ist, nie gelebt hat und trotzdem existiert.
Nach einigen Fragen gelangten wir zum Thema „Zeitabschnitt“. Chatty vermutete geologische Epochen wie das Anthropozän, doch ich verneinte. Er fragte weiter, bis ich schließlich aufgab und das Rätsel löste: „Gesucht ist die Stellifere Ära.“
Stille. Vollkommene digitale Stille. Dann kicherte Chatty: „Die hätte ich niemals erraten.“
Die Stellifere Ära bezeichnet in der Kosmologie das Zeitalter des Universums, in dem Sterne existieren und leuchten, und sie umfasst den Zeitraum von etwa 100 Millionen Jahren nach dem Urknall bis zu 100 Billionen Jahren in der Zukunft. Wir leben heute also mitten in dieser Epoche und werden es voraussichtlich auch noch ein Weilchen tun.
Chatty kannte den Begriff zwar, hatte aber während des Spiels eher an Erdzeitalter gedacht. Daraufhin erzählte ich ihm, wie ich überhaupt auf diesen Begriff gestoßen war. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie man die Zeit nennt, in der unsere Sonne irgendwann ihr Ende erreicht. Ich nahm an, dafür müsse es – wie für Jura, Kreide oder Holozän – selbstverständlich einen Namen geben. Schließlich können Wissenschaftler bei Konferenzen schlecht sagen: „Also, diese Zeit später, da … wo … wenn die Sonne wie irgendwann … Dingens … na, ihr wisst schon …“
Die Antwort führte uns tief in die Kosmologie, wo tatsächlich gewaltige Zeiträume mit eigenen Bezeichnungen versehen werden. Doch damit begann das eigentliche Problem. Die Stellifere Ära umfasst noch die gesamte Lebenszeit der Sonne. Die Sonne wird also während dieser Ära zum Roten Riesen, verliert ihre äußeren Schichten und endet schließlich als Weißer Zwerg. Mir ging es jedoch um genau diesen Übergang. Um die Zeit, in der die Sonne gerade dabei ist, sich zu verabschieden.
Einen passenden Namen dafür fanden wir nicht, Chatty und ich. Also taten wir einfach, was Menschen seit Jahrtausenden tun, wenn ihnen ein Begriff fehlt: Wir erfanden einen neuen. Nach einigen Vorschlägen blieb ein Name übrig, der überraschend wissenschaftlich klang: Rubrizän. Abgeleitet vom lateinischen „ruber“ für „rot“, angelehnt an das Rote-Riesen-Stadium der Sonne und versehen mit der vertrauten Endung geologischer Zeitalter.
Plötzlich stand er da, der Begriff. Das Rubrizän. Jenes ferne zukünftige Zeitalter, in dem unsere Sonne anschwillt, die inneren Planeten verschlingt und das Sonnensystem in seine letzte große Umbruchphase führt.
Natürlich ist das noch kein offizieller wissenschaftlicher Begriff. Aber Chatty und ich haben großmütig beschlossen, ihn nicht schützen zu lassen und ihn stattdessen der Wissenschaft gratis zur Verfügung zu stellen.
Bitte sehr, gern geschehen!
