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Gegen die Zeit

Anfang der Achtzigerjahre hörte ich im Radio einen Song, der mich augenblicklich in seinen Bann zog. Wenn ein Musikstück exakt den richtigen Nerv trifft, beginnt sich die Zeit für einen Moment zu dehnen, und man lauscht wie entrückt einer betörenden Melodie, die alles um einen herum verblassen lässt. Die Stimme berührte etwas in mir, ließ mich nicht mehr los und nach dem Verklingen der letzten Note beinahe ratlos zurück, denn der Moderator verlor kein einziges Wort über Titel oder Urheber dieser wundervollen Aufnahme.
     Nur ein einziges Mal gehört – und dennoch nie wieder vergessen. Wenn ein Musikstück das zu leisten vermag, gehört es zweifellos zu den großen Meisterwerken. Erst viele Jahre später kreuzten sich unsere Wege erneut, und überrascht stellte ich fest, dass diese schwarze Soulstimme einem weißen amerikanischen Sänger gehörte. Michael McDonald war damals längst eine feste Größe der amerikanischen Westcoast- und Blue-Eyed-Soul-Szene.
     Vor wenigen Wochen lief mir der Titel beim Sortieren meiner Musiksammlung erneut über den Weg, und – seit geraumer Zeit meiner jahrzehntealten, tausendfach gehörten Musik überdrüssig und auf der Suche nach neuen Eindrücken – fragte ich mich, was dieser Musiker heute eigentlich macht. Bei Youtube stieß ich schließlich auf sein bislang letztes Album: Wide Open aus dem Jahr 2017. Doch da die CD in Europa offenbar extrem selten ist und nur zu absurd hohen Gebrauchtpreisen angeboten wird, blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als sie zusammen mit drei weiteren CDs von Michael McDonald direkt aus den USA zu importieren – was erstaunlicherweise trotz Porto sogar günstiger war als der Kauf der einzelnen CD hierzulande.
     Es hat sich gelohnt. Was der inzwischen über siebzigjährige Michael McDonald hier vorgelegt hat, ist kein müdes Alterswerk, kein routiniertes Herunterspielen alter Tugenden und schon gar keine nostalgische Wiederbelebung vergangener Erfolge. Wide Open klingt vielmehr wie das reife Werk eines Musikers, der nach Jahrzehnten noch einmal all seine Erfahrung, sein Können und seine musikalische Vision bündelt und daraus ein Album erschafft, das in seiner Konsequenz beinahe aus der Zeit gefallen wirkt.
     Schon nach wenigen Takten wird klar, dass hier kein steriles, auf Streamingdienste zugeschnittenes Hintergrund­gedudel produziert wurde. Vor allem aber sind es die monumentalen Bläsersätze, die den Hörer förmlich überwältigen. Sie rollen nicht beiläufig durch die Songs, sondern bauen sich wie massive Klangwände auf und treiben die Musik mit einer Wucht voran, wie man sie heute kaum noch hört.
     Moderne Produktionen wirken oft seltsam ausgehöhlt: laut, komprimiert und dennoch ohne jede physische Präsenz. Wide Open hingegen besitzt genau jene Kraft, die große Studioalben der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre einst auszeichnete. Die schweren Bläser, die vollen Streicher und diese unverwechselbare, markante Stimme verschmelzen zu einem Klangkörper von beinahe überwältigender Dichte.
     Dass dieses Album klanglich derart hervorragend wirkt, überrascht kaum, wenn man einen Blick auf die beteiligten Namen wirft. Unter anderem war der legendäre Toningenieur Bob Ludwig beteiligt – jener Mann, der einst bei Masterdisk New York zahllose Alben von Weltrang gemastert hat, von AC/DC bis ZZ Top. Und tatsächlich besitzt Wide Open genau jene Qualität, die man heute nur noch selten hört: kraftvoll, warm, bemerkenswert detailreich und unfassbar cool. Aufwendig arrangierte, handwerklich perfekte Studiomusik für Musikliebhaber, gespielt von Musikern, die ihre Instrumente nicht nur beherrschen, sondern fühlen.
     Da war es wieder: Dieses längst vergessen geglaubte Gefühl, diese Faszination, die einen innerlich berührt, wenn Musik für einen Augenblick die Welt ausblendet und nur sie noch existiert.