Während sich heute in Berlin ein paar realitätsferne Friedensromantiker mit Stoffbeuteln und selbstgemalten Plakaten zur Friedensdemo versammeln, läuft die politische Pulverdampfmaschine in Brüssel, Paris und Berlin wie geschmiert: Aufrüstung, Waffenexporte, Militärkooperationen. Der Alte Kontinent wird endlich wieder kontinent! Nicht gegen Armut, Klimakrise oder soziale Spaltung, sondern gegen die Bedrohung des Weltfriedens durch die Anderen. Russland, Iran, Venezuela – wer auch immer das gerade ist. Der Frieden wird am Hindukusch verteidigt. Oder in Kiew. Vielleicht auch bald wieder in Taiwan, Korea, Syrien … Kosovo? Frieden ist Krieg und Aufrüstung ist Liebe, das EU-Verteidigungsbüro findet schon irgendeinen Feind.
Was für ein Fortschritt: Noch vor ein paar Jahren galt die EU als albernes Friedensprojekt. Heute ist sie eine Rüstungsagentur mit Menschenrechtsbegleitmusik. Man nennt es jetzt „geostrategische Souveränität“ oder „Verteidigungsfähigkeit“. Klingt auch besser als: „Wir bauen eine EU-Armee, weil alle anderen es auch machen“. Man will ja nicht wie ein Schuljunge mit Wasserpistole beim NATO-Klassentreffen erscheinen.
Wenn jemand fragt: „Wollten wir nicht eigentlich Kriege verhindern?“, dann lautet die Antwort mittlerweile: „Nein, wir wollten sie nur besser führen.“ Erst wenn der letzte Leopard-Panzer geliefert wurde, die letzte Taurus-Rakete ihr Ziel erreicht hat, kann man sich an den Verhandlungstisch setzen, auf Augenhöhe natürlich, bewaffnet bis an die Zähne.
Diplomatie? Total veralteter Quatsch aus den 70ern. Hat ja in Vietnam auch nicht geholfen. Stattdessen Bombenkrieg und Entlaubungsmittel. Drei Millionen tote Vietnamesen. Am Ende siegte doch der Kommunismus. Oder in Afghanistan: Zwanzig Jahre hochmotivierter „Stabilisierung“, mit Luftschlägen, Brunnenbau und Friseurausbildung unter militärischer Bewachung. Milliarden verpulvert, Soldaten verheizt, Hochzeitsgesellschaften zerschreddert, Zivilisten getötet. Aber wir hatten ein paar schicke Pressefotos von Ministerinnenbesuchen in Tarnkleidung. Die Taliban sind heute leider wieder zurück, bestens ausgerüstet mit westlicher Militärechnik, zurückgelassen von den Amerikanern. Aber Hauptsache, wir haben unser Bestes versucht.
Wer heute nicht mitmarschiert, ist wahlweise Kremlpropagandist, Mullah oder China-Verharmloser, sanktioniert von der EU wie Thomas Röper und Alina Lipp. Wer „Frieden“ sagt, wird zum Feind, wer „Krieg“ schreit, erhält Sonderapplaus in Talkshows, solange er betont, dass es um „westliche Werte“ geht. Und wenn es dabei ein paar tausend Tote gibt – nun, Freiheit hat eben ihren Preis. Vor allem, wenn ihn andere bezahlen.
Sicherheit entsteht bekanntlich nur, wenn alle sich gegenseitig mit noch größeren Raketen bedrohen. Im Kalten Krieg hat das hervorragend funktioniert. Bis auf das eine Mal, in Kuba, 1962, da wäre es fast schiefgegangen. Oder 1983, als das Ende der Welt nur von einem einzelnen störrischen russischen Offizier verhindert wurde, der partout nicht glauben wollte, dass die anfliegende amerikanische Rakete auf dem Monitor echt ist und nicht von einem technischen Problem herrührte.
Doch weg mit solcher Wehrkraftzersetzung! Die EU macht endlich Ernst! Raus aus der pazifistischen Kuschelecke, rein ins globale Schachbrett. Kriegsrendite statt Friedensdividende. Diplomatie ist was für Plaudertaschen, Rüstung für Realisten. Wer Frieden will, muss lernen, den Krieg zu lieben. Oder wenigstens gut zu verkaufen.
