Menü Schließen

Servus, grüß Gottkönig!

Es heißt immer, das Volk murrt. Doch oft murren auch die Gottkönige – jene Damen und Herren, die meinen, die Welt sei ihre Buddelkiste, besonders die in Brüssel.
     Unsere deutschen Gottkönige sind wieder unzufrieden mit dem gemeinen Pöbel. Kanzler Merz beispielsweise findet, die Deutschen seien zu oft krank. Teufel aber auch, was bildet das Volk sich ein? Und Wirtschaftsministerin Reiche forderte letztes Jahr, die Arbeitnehmer sollten erst später in Rente gehen. Recht hat sie! Wo kämen wir denn hin, wenn uns Senilität, Rollator und dritte Zähne vorschreiben, wann wir uns auf die finale Couch lümmeln dürfen?
     Und überhaupt, diese ständige Rücksichtnahme auf die Volksbefindlichkeit gehört abgeschafft. Ich schlage daher vor, zum Wohle der Staatsräson einen zusätzlichen Wochentag einzuführen: den Servustag – hinter Sonntag und vor Montag dazwischengequetscht. Lateinisch veredelt und historisch bewährt, elegant abgeleitet von „Servus“, was Sklave bedeutet. Allein schon der Name macht klar, dass es kein Pardon mehr gibt. Statt Wiedereinführung der Wehrpflicht und lästiger Streitereien wegen zunehmender Beschneidung der Meinungsfreiheit bekommt der Staat von jedem Bürger einen Wochentag geschenkt, an dem er mit ihm machen kann, was er will, weil sämtliche Gesetze inklusive Grundrechte 24 Stunden lang außer Kraft gesetzt werden. Falls es sich bewährt, könnten die restlichen sieben Wochentage später ganz abgeschafft werden.
     Der Servustag wäre die konsequente Vollendung der modernen Leistungsgesellschaft, ein staatlich verordneter Reset-Knopf für all jene lästigen Dinge wie Würde und Selbstbestimmung, die im Alltag nur die Produktivität hemmen, denn was motiviert mehr, als einmal pro Woche rechtlos zu sein und endlich ehrlich zu arbeiten, ohne den Ballast von Arbeitsschutzgesetzen, gewerkschaftlicher Mitbestimmung oder krankmachender Empathie. Volkswirtschaftlich ein Geniestreich: Burnout wird planbar, Krankheit effizient vorverlegt, der soziale Frieden gleich mit abgeschafft, und die Rentenfrage erledigt sich von selbst, weil der Körper früher aufgibt – was die Statistik als gesteigerte Leistungs­bereitschaft ausweisen kann. Verfassungsrechtlich besticht der Servustag durch seine elegante Einfachheit, denn statt komplizierter Abwägungen gilt ein klarer Modus: Heute bist du Mittel zum Zweck, morgen darfst du wieder Mensch sein, was auch pädagogisch wertvoll ist, weil Freiheit erst durch ihren regelmäßigen Entzug richtig geschätzt wird. Staatliche Arbeitgeber und Behörden feiern den Tag als Wellness-Angebot für die Bilanz, Datenschützer freuen sich über die kurze Atempause vom Grundgesetz, Kirchen entdecken ihn als modernen Buß- und Demutstag, und die EU kann beruhigt sein, denn wenn alle gleichzeitig ihre Rechte verlieren, wird niemand diskriminiert. Schulen nutzen den Servustag als praxisnahen Staatsbürgerkundeunterricht, in dem Kinder früh lernen, wie sich Macht anfühlt, wenn sie ausschließlich von einer Seite ausgeübt wird.
     Moralisch überzeugt das Konzept durch seine Ehrlichkeit, weil es den längst gelebten Zynismus nicht mehr versteckt, sondern kalendarisch festschreibt, gesellschaftlich durch seine Einigkeit, weil sich wirklich alle gleichermaßen ohnmächtig fühlen dürfen, und kommunikativ durch seine positive Rahmung: Es ist ja kein Zwang, sondern ein Dienst, kein Rückschritt, sondern Fortschritt durch Rückfall in die guten alten Zeiten, als es noch Pharaonen gab.
     Am Ende stellt sich heraus, dass der Servustag weniger ein Bruch mit der Demokratie ist als ihre ehrlichste Weiterentwicklung, weil er das unausgesprochene Prinzip endlich offenlegt: Mensch sein darf man, solange es nicht stört.