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Wahlpannen

Nach meinem Umzug nach Dingenskirchen, was zu Brandenburg gehört, war auch ich heute zum Wählen aufgerufen. Oder besser – ich war nicht aufgerufen, denn wie überall im Land, klappt auch hier in Brandenburg nicht mehr alles so, wie es soll, weshalb ich keine Wahlunterlagen erhielt, was aber nicht weiter schlimm ist. Man kann auch nur mit dem Personalausweis im Wahlbüro aufkreuzen. So tat ich und blickte im Wahlbüro 1 in lange Gesichter, denn sie fanden mich nicht in ihrer Liste. In Wahlbüro 2 und 3 dieselben langen Gesichter, aber immerhin eine bunte Übersichtskarte, mit deren Hilfe meine Straße „Wolkengässchen 1“ dem richtigen Wahlbüro zugeordnet werden konnten. Glücklicherweise befanden sich alle vier im selben Gebäude, weshalb sich die zurückzulegenden Wege in Grenzen hielten. Doch auch in Nummer 4 wollte sich keine Freude einstellen, mein Name war nicht auffindbar.
     Während ich so ungewollt einen Auflauf von Wahlwilligen vor dem Eingang verursachte, telefonierte die nette Helferin mit dem heute ausnahmsweise besetzten Bezirksamt, was ihr langes Gesicht plötzlich aufheiterte. Sie blätterte im Hefter bis ganz nach hinten, zur letzten Abteilung „Nachgereichte Einwohner“, letzte Seite, letzte Spalte, unterste Zeile, gleich hinter „Sonstiges“. Dort fand sie den Neu-Brandenburger Sunlion Sonniglöw‘, Wolkengässchen 1, 12345 Dingenskirchen.
     Von da an lief alles wie am Schnürchen, wie gewohnt habe ich bei allen Parteien ein Kreuz gemacht, so geil wie die sind. Nur beim Rausgehen wurde mir ein wenig mulmig, denn eine zwielichtige Gestalt drückte mir eine Wahlzettelkopie in die Hand, mit der Bitte, doch anzukreuzen, was ich angekreuzt hätte, es sei für die Prognosen der ARD. Und ich fragte mich panisch, was denn mit dem Zettel anschließend geschehen würde, denn es war weit und breit keine versiegelte Prognosen-Wahlurne zu entdecken? Hätte er den ausgefüllten Zettel lässig in die Hosentasche geschoben? Eingescannt? Abfotografiert? Wie wollte er sicherstellen, dass die Ergebnisse wirklich anonym bleiben und nicht bestimmten Personen zugeordnet werden können?
     Ich lehnte seinen Wunsch ab. Nicht etwa aus Angst. Sondern vor allem, weil mir der Prognosenwunsch der ARD so was von am Arsch vorbeigeht, das können die sich echt nicht vorstellen. Wenn sie für ihre Hochrechnungen zu wenig Daten haben, dann soll’n ’se halt raten, manipulieren oder einfach dreist lügen. Machen ’se doch sonst auch nicht anders.

Überraschende Wendung

In einem Hifi- und Fernsehen-Internetforum bittet ein Nutzer um Rat, weil sein Fernseher plötzlich keine Sender mehr empfangen kann. Meine Antwort darauf:
     „Rein zufällig sind weltweit alle Fernseh- und Radiosender ihrer Programme überdrüssig geworden und haben sich zeitgleich abgeschaltet. Immer wieder dieselben öden, langweiligen Tatort-Krimis. Stündlich nur negative Nachrichten. Im Radio die immer selben Songs der 80er, 90er und von heute, anschließend der Blitzerservice und auf­merk­sam­keits­heischende Werbung. All das nahezu unverändert seit Jahrzehnten. Hat wirklich irgendwer geglaubt, das könnte ewig so weitergehen?
     Nein! Seit heute ist Schluss! Überall nur noch entspannendes Rauschen im Äther. DJs und Nachrichtensprecher, die sich zum Krankenpfleger umschulen lassen. Auslandskorrespondenten, die heimkehren, Mülltonnen leeren und für saubere Straßen sorgen. Showmaster, die in Obdachlosenheimen ehrenamtlich Suppe austeilen.
Eine neue, verheißungsvoll glitzernde Zukunft liegt vor uns. Greifen wir beherzt zu!“
     Ich hoffe, der Threadersteller hat Humor. Im allgemeinen reagieren Hilfesuchende im Internet nicht allzu verständnisvoll auf Beiträge, die nichts Gehaltvolles zu bieten haben.

Zu selten kontrolliert

In Berlin kann Auto fahren, wer will. Man benötigt weder Führerschein noch TÜV. Der Eindruck könnte sich einem zumindest aufdrängen, denn es gibt kaum Polizeikontrollen. Ich bin elf Jahren durch die Stadt gecruised und wurde nicht ein einziges Mal kontrolliert. Da wird sich der eine oder andere wohl fragen, wozu die ganze Mühe mit Fahrschule und Co, wenn es ja doch niemand merkt?
     Heute nun hat die Polizei mal kontrolliert und fand bei 812 Fahrzeugen 26 Fahrer ohne Führerschein (3,2 Prozent), 50 Autos mit technischen Mängeln (6,15 Prozent) und jede Menge andere Delikte. Ernstzunehmende Statistiker werden wohl mit Kastanien nach mir werfen, aber rechnet man das mal auf die Gesamtzahl von 1,24 Millionen in Berlin zugelassenen Pkws hoch (Lastkraftwagen und Motorräder sind also nicht dabei), so sind derzeit etwa 39.680 Verrückte ohne Führerschein und 76.260 Leichtsinnige mit mangelhaften Schrottkisten unterwegs. Die Strafen für so was sind anscheinend nicht abschreckend genug, weshalb manche anschließend einfach so weitermachen.
     Wie gut, dass ich inzwischen woanders wohne.

Eine homogene Masse

Das kannste Dir nicht ausdenken: Sachsens CDU-Kretschmar fällt seinem Parteikollegen nur drei Tage vor der Wahl in den Rücken und macht Werbung für Brandenburgs SPD-Woidke. Parteien, die sich aufgrund politischer Differenzen einst spinnefeind waren, suchen nun freundetrunken den Schulterschluss mit Bruderkuss, während Stehaufmännchen und frisch gekürter CDU-Kanzlerkandidat Merz am liebsten mit den Grünen kuschelt. Womit wir im Grunde wieder so was haben wie den Einheitsbrei-Einheitsparteienblock der DDR.
     Echt, Leute, und da wundert Ihr Euch, wenn Menschen, die sich nach echter Veränderung sehnen, AfD wählen.

Zurück ins Trockendock

Dem Wetterbericht für die nächsten zwei Wochen nach zu urteilen, war’s das nun wohl mit dem Planschen im Swimmingpool. Die letzten Nächte waren schon recht kühl, weshalb das Wasser die angenehmen Temperaturen nicht mehr halten konnte. Trotz der letzten warmen Tage mit über 30°C stieg die Thermometeranzeige nicht über 20 Grad. Wenn man da ins Wasser hüpft, fühlt sich das trotz allmählicher Abhärtung unangenehm kalt an.
     Wer hätte gedacht, dass ich mal mit derartigen Luxusproblemen konfrontiert werden würde?

Falsche Plattenseite

Der Berliner Bürgermeister Kai Wegner feuerte seinen DJ. Der hatte es gewagt, den Tanzhit „L‘amour toujours“ des politisch völlig unverdächtigen Italieners Gigi D’Agostio aufzulegen, natürlich ohne geschmackloses fremdenfeindliches Gegröle. Weder DJ noch Komponist und Interpret können etwas dafür, wenn ihr Lied für andere Zwecke missbraucht wird. Trotzdem polterte Wegner, solche Musik gehöre nicht ins Rote Rathaus. Und mich erinnerte das wieder prompt an die untergegangene DDR, wo gewisse Songs auch nicht erwünscht waren, wie etwa dieser und dieser.
     Der Fall offenbart exemplarisch die anscheinend weitverbreitete psychotische Harthirnigkeit gewisser politischer Kreise, die ausschlaggebend dazu beiträgt, dass selbst drängendste Probleme nicht gelöst werden. Weitere Kommentare dazu erspare ich mir, die findet Ihr zahlreich am Ende des verlinkten Artikels.

Bizarre Menschen

Aus der Sunlion-Reihe „Bizarre Menschen“ heute: Mein Nachbar.
     Hinter dem Haus in Dingenskirchen, wo ich nun wohne, befindet sich das Grundstück eines Nachbarn. Der hat ein kleines Einfamilienhaus, einen Garten drumherum, einen runden Swimmingpool, eine Frau und einen Hund. Soweit alles ganz normal. Er selbst ist Mitte Vierzig, sieht aus wie ein Handwerker oder Bauarbeiter, kräftig, stämmig, schwarze Kleidung, ernster Gesichtausdruck, mit ultrakurzem Haar. Täte er in seiner Freizeit mit einer Bikergang abhängen, würde es mich auch nicht wundern.
     Tut er aber nicht. Stattdessen hängt er fast jeden Abend in der Kneipe rum. Aber nicht etwa in der Kneipe eines anderen, nein, in seiner eigenen.
     In seinem Garten stehen diverse Holzhütten, darunter vermutlich eine Werkstatt, eine Sauna, ein Wasweißich-Schuppen … und eben diese Kneipe. Eine Freiluftkneipe. Das Ding sieht aus wie ein kleiner Bungalow, ohne Seitenwände und nach vorn hin offen. „Ein Dach mit Rückwand“ beschreibt es noch etwas besser. Unter dem Dach steht ein Tresen. Vor dem Tresen stehen vier Barhocker, dahinter ein Kühlschrank, verschiedene andere Möbel, ein Fernseher und der Nachbar.
     Gelegentlich kommen Bekannte vorbei, aber meistens sind nur er und seine Frau anwesend. Sie sitzt dann immer auf dem letzten Hocker. Doch heute ist er allein. Seit viereinhalb Stunden steht – nicht sitzt – er dort ganz allein hinter seinem Tresen, raucht, trinkt und starrt Löcher in die Luft. Der Fernseher ist aus, keine Musik ist zu hören. So habe ich ihn schon schon mal über sechs Stunden da verbringen sehen.
     Und jedesmal frage ich mich: Warum tut er das? Warum geht er nicht ins Haus? Warum setzt er sich nicht wenigstens? Tun ihm seine Beine nicht weh? Warum schaut er nicht fern? Warum lauscht er nicht schöner Musik? Trifft sich mit Freunden? Surft im Internet? Oder geht in eine echte Kneipe?
     Hat er vielleicht kein Geld und kann sich die hohen Preise nicht mehr leisten? Hat er vielleicht Kneipenverbot? Hatte er vielleicht eine eigene Kneipe, die während des Corona-Irrsinns Pleite ging, und findet nun aus seinem ehemaligen Alltag nicht mehr heraus?
     Vielleicht frage ich ihn mal. Wenn er nicht so ernst guckt.