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Abba gern!

Anfang der Neunziger hatte ich mir die 40-Titel-auf-drei-CDs-Kollektion „The Hits“ zugelegt, zwei Jahre bevor „ABBA Gold“ mit nur halb so vielen Songs ein internationales Revival einleitete. Bei den 40 Titeln waren alle nennenswerten Hits enthalten, mehr als der normale Durchschnitts-nicht-ABBA-Fan vom Dudelfunk im Radio kannte.
     Ein interessante Doku über die Entstehung ihres Weltklasse-Hits „Dancing Queen“, bei welcher der Song detailliert seziert und analysiert wird, lud mich später dazu ein, die drei CDs etwas aufmerksamer zu betrachten, unterstützt von einem neuen Kopfhörer, der dank außergewöhnlicher Eigenschaften Musik in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.
     Er hat, statt Plastik, eine superleichte nanobeschichtete Papiermembran, gehalten von einer Gummisicke, was sonst nur bei Lautsprechern Verwendung findet. Diese Kombination ermöglicht die Wiedergabe auch feinster Schwingungen, die bei herkömmlichen Hörern konstruktionsbedingt weggedämpft werden. Im Ergebnis entdeckt man selbst bei Musik, die man schon tausendmal gehört und verinnerlicht hat, neue Details und Feinheiten, unbekannte Klangfarben und Nuancen. Somit klangen die alten Hits wie aufgefrischt und blankpoliert.
     Inspiriert durch eine aktuelle Arte-Dokumentation über die schwedische Pop-Legende hatte ich mich Anfang der Woche noch einmal aufgerafft, das Gesamtwerk der Band zu sichten und nach mir bisher unbekannten Perlen zu tauchen. Mit der Veröffentlichung von „ABBA – The Albums“ erhält man nämlich das komplette Gesamtwerk bis auf „Voyage“ von 2021.
     Überraschenderweise sind bei den unbekannten Stücken auch einige Rocksongs dabei, wenngleich sich diese eher anhören, wie von einem Popmusiker verfasst, statt von einem echten Rocker aus Fleisch und Blut. Und besonders bei den ersten beiden Alben ähneln viele Stücke doch eher mittelmäßigem Füllstoff, verfasst um die Platten irgendwie voll zu kriegen, als nach echtem Hitpotential. Doch glücklicherweise gehört ABBA zu den Bands, die mit zunehmendem Alter immer besser wurden, wie beispielsweise auch Röyksopp, ebenfalls eine sehr kreative schwedische Band. Somit finden sich die besseren Titel auf den späteren Alben, wie etwa „Like An Angel Passing Through My Room“, bei dem Fridas Hifi-Stimme so richtig zur Geltung kommt, und der von vielen anderen Musikern übernommen wurde.
     Es gibt also doch noch einiges zu entdecken, in der Welt der Musik, auch wenn der seelenlose Plastikpop der Gegenwart das nicht vermuten lassen würde.

Paradiesische Zustände

Seit heute, 08.15 Uhr, bin ich auch offiziell kein Berliner mehr. Pünktlich um acht öffnete das Gemeindeamt von Dingenskirchen seine Pforten, keine fünf Minuten entfernt von meinem Wohnort. Um 08.01 Uhr saß ich mit einer, von einer freundlichen Mitarbeiterin in die Hand gedrückten Wartenummer vor dem zuständigen Büro. Um 08.03 Uhr wurde ich hineingebeten, um mein Anliegen vorzutragen. Ummeldung, Änderung von Personalausweis und Reisepass, Anmeldung für die Wahlunterlagen, das alles erledigt innerhalb weniger Minuten. Kein Termin nötig, keine Wartezeit, außer mir war niemand da. Zur Begrüßung – Handschlag, Blumenstrauß, Zungenkuss für jeden Neu-Brandenburger Bürger. Paradiesische Zustände in Dingenskirchen und totales Gegenteil zum Behördenalbtraum von Berlin. Ich kann mich nur wiederholen: Haltet Euch fern vom Bundeshauptslum! Das Leben in der Provinz ist so viel angenehmer, und die Menschen hier sind so viel freundlicher.
     Pünktlich um 08.17 Uhr verließ ich das Amt und schaffte sogar noch die gewünschte S-Bahn, die mich ins Büro bringt, mitten hinein ins Zentrum von Sodom und Gomorra. Berlin ist inzwischen beides.

Schärfentiefe Überlegungen

Meine Lesebrille benötigte neue Gläser. Die alten waren im entscheidenden mittleren Bereich arg zerkratzt, sodass ich nicht mehr so gut damit lesen konnte. Alles sah irgendwie unscharf aus, so wie bei Manfred Mustermann, dessen Brillengläser auch ständig verschmiert sind.
     Also ging ich zum dorfeigenen Optiker, der aber im Gegensatz zu den vielen Berliner Optikern nicht sofort für mich Zeit hatte, sondern einen Termin, zwei Tage später anbot. Bei der terminierten Untersuchung war er auch sehr gründlich, und die neuen Gläser machen exakt das, was sie sollen, nämlich scharfe Bilder.
     Aus einem unerklärlichen Anfall von Leichtsinn schaute ich mit den neuen Gläsern unvorsichtigerweise in den Spiegel und erblickte das Grauen.
     Nach schärfentiefgründiger Überlegung kam ich zu einer wichtigen Erkenntnis: Das Nachlassen der Sehkraft mit zunehmendem Alter kann unmöglich auf eine Fehlfunktion der Augen zurückzuführen sein. Vielmehr handelt es sich wohl um eine Schutzfunktion des Gehirns, damit es von den vielen Fältchen, Spalten und Canyons im Gesicht nicht erschreckt wird.
     Manchmal ist die Evolution halt schlauer als angenommen.

Kleinanzeigen, groß rausgebracht

Manchmal suche ich dies und das im Internet, und gelegentlich verscherble ich auch was. Zur Zeit will ich eine völlig abgeranzte Europalette loswerden, aber weil ich ja ein erfahrener Werbeschnuffi bin, umschreibe ich den schlechten Zustand natürlich ein wenig. Oder anders formuliert: Ich hänge der nackten Wahrheit ein hübsches Mäntelchen um:

„Zum Verkauf steht diese vorzüglich handgefertigte Europalette im klassisch-modernen Vintage-Design, herausragendes Meisterwerk eines unbekannten sensiblen Holzschnitz-Künstlers und markantes Beispiel für den kulturellen Fortschritt der menschlichen Zivilisation.
     Zur Verwendung kamen ausschließlich hochwertigste Materialen. Von fachkundigem Blick ausgewählte Hölzer wie Tanne, Fichte, Kiefer oder Lärche, aber auch Ahorn, Akazie, Aspe, Birke, Buche, Edelkastanie, Eiche, Erle, Esche, Pappel, Platane oder Ulme sind möglicherweise zum Einsatz gekommen. Sie wurden sorgsam geschlagen und geduldig vorgealtert, bis der Zahn der Zeit die gewünschte Oberflächenstruktur erschaffen hatte. Die so entstandenen natürlichen Kerben und Risse runden das authentische Gesamtbild perfekt ab.
     Verbunden werden die Leisten durch individuell gefertigte stählerne Nägel, deren Außenfläche mit einer natürlich gewachsenen Patina veredelt wurde.
     Nur dank dieser aufwendigen, behutsamen Verarbeitung konnte der wertvolle Vintage-Look dieses seltenen Einzelstückes sichergestellt werden.
     Sie haben nun die Möglichkeit, das Meisterwerk für nur einen Euro zu erwerben.“

Ich bin sicher, die verkauft sich wie von selbst.

Für Harro zum 97.

So viele Jahre gingen ins Land,
nun bis Du schon älter als ein Elefant.
Die werden nur 7O mit etwas Geschick,
da hattest Du wohl im Leben viel Glück.
Eine 9 und ’ne 7 steh’n heut auf der Uhr.
Man fragt sich erstaunt: Wie schafft er das nur?
Mit Stärke und Fleiß und ganz viel Geduld,
ein ruhiges Leben ohne Tumult.
So hast Du die 97 erreicht,
und so schaffst Du auch noch die 100 ganz leicht.
Drum wünsche ich Dir für die nächsten dreien,
Gesundheit, Glück und viel Leckereien.

Ausgeturnt

Da wird sie wohl bald das Zeitliche segnen, meine alte Turnhalle, in der uns Olympiateilnehmer Klaus Grogorenz in seiner Funktion als Sportlehrer erbarmungslos übers Parkett scheuchte. Er hatte übrigens eine der ersten Digitaluhren, um die ich ihn sehr beneidete, sogar mit leuchtender Anzeige. Das nur mal am Rande, mit Bezug auf meinen letzten Beitrag.
     In der Halle gab es Duschen, aber in den zehn Jahren meiner Schulzeit habe ich sie nicht ein einziges Mal funktionieren sehen. Die Umkleidekabinen waren abgeranzt, das Parkett im Sportbereich ständig kaputt, die Glasziegel der Außenwand ebenso. Erstaunlich, dass die inzwischen graffitiverseuchte Halle fast 40 Jahre später noch immer in Betrieb ist.
     Doch nun sind ihre Tage gezählt. Keine 100-Meter-Laufstrecke entfernt wird gerade etwas Neues aus dem Boden gestampft. Mächtig groß, gewaltig hoch und mächtig gewaltig schnieke, mit Echtholzdeckenbalken. Da täte ich heute gern noch mal übers Parkett gescheucht werden.

50 Jahre Logistik-Fortschritt

Ich habe etwas bestellt. Eine Digitaluhr. Ich steh auf die Dinger. Noch immer. Als in den Sechzigern geborener durfte ich Mitte der Siebziger, als die Teile noch echt heißer Scheiß waren, die ersten magischen Exemplare bestaunen. Uhren mit Digitalanzeige. Das war wie UFO und Zauberer von Oz gleichzeitig. Nie zuvor hatte etwas Ähnliches diesen Planeten erobert.
     Geliefert wird die gestern bestellte Vintage-Kiste aus den Niederlanden, mit DHL-Express. Am heutigen Freitag abgeschickt, soll sie blitzschnell expressmäßig gleich sofort bereits am … Mittwoch hier eintreffen.
     Wie jetzt? Mittwoch erst? In fünf Tagen? Was ist daran Express? Da ist die DHL ja ohne Express schneller. Oder liefert sie neuerdings CO2-neutral mit der Postkutsche? Viel umweltfreundlicher wäre das aber auch nicht, denn Pferde werden bekanntlich mit Methangas betrieben.
     Da ist die Post also im Jahr 2024 auch nicht schneller als in den Siebzigern. Aber okay, das passt doch ganz gut zum Paketinhalt. Der ist ja auch voll vintage.

Tödlich präzise

Nachfolgendes Video illustriert auf erschütternde Weise die von mir beschriebene Situation auf dem modernen Schlachtfeld der Ukraine, das durch Dronenaufklärung und computerberechnete Zielführung dem „Menschenmaterial“ keine Überlebenschance lässt. Jeder Schuss ein Treffer. Selbst Panzer, die ihren Namen eigentlich wegen der vermeintlich schützenden Panzerung führen, bieten keinen Schutz mehr. Der Tod kommt plötzlich wie aus dem Nichts.
     Dies gilt inzwischen für alle beteiligten Seiten und für alle modernen Kriege. Darum ist es so wichtig, wieder ins Gespräch zu kommen und bestehende Meinungsverschiedenheiten friedlich beizulegen, statt die Gewalt noch mehr anzuheizen.