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Das mühsame Leben

Heute Nachmittag saß ich zusammen mit dem 96-jährigen Mann auf der Terrasse seines Hauses, jenem Mann, den ich sein Jahrzehnten bereits kenne, und den ich in den letzten Jahren als immer schweigsamer erleben musste. Ich hatte den Eindruck, dass er müde geworden war, und ungeduldig die Tage zählte, die ihm noch blieben. Vierzig Jahre älter als ich, so viele Jahre mehr Lebenserfahrung, bestehend aus Glück und Schmerz, wer weiß das schon? Der vor andershalb Jahren seinen jüngeren Sohn, meinen ehemaligen Mitschüler, zu Grabe tragen musste, der zweite herbe Verlust, wie ich heute erfuhr.
     So saßen wir also bei Kaffee und Kuchen unter einem leicht bewölkten Himmel, als er plötzlich anfing zu erzählen, seine gesamte Lebensgeschichte, kurz gefasst, nicht allzu ausschweifend und dennoch spannend, packend, erschütternd.
     Mit 16 musste er an die Front, im März ’45, nach Litauen, wo ihn die Rote Armee schon bald überrannte. Er wechselte von einem Gefangenenlager ins andere, meldete ich immer wieder freiwillig für teilweise schwere Arbeiten und lernte so viele interessante Dinge, die ihm später beim Bau seines eigenen Hauses halfen, als er bereits 75-jährig schwere Steine zu Mauern formte, Holzfußböden und Fliesen verlegte und den ein Meter achtzig tiefen Swimmingpool aushub.
     Von Natur aus robust, mit Händen wie Bärenpranken und einer natürlichen inneren Stärke, machte er in der DDR Karriere als Kommissar der Kasernierten Volkspolizei, bis er wenige Jahre später zur Offiziersschule abkommandiert wurde und als Regimentskommandeur tausende Soldaten befehligte. Schon ulkig, dass ausgerechnet seine beiden Söhne nicht gehorchten, wenn er zum Mittagessen rief.
     Genau diese Militärkarriere führte nach der Wende zu weiteren Kämpfen, als die Rentenversicherung ihm wegen „Staatsnähe“, also aktiver Unterstützung des Sozialismus, Rentenpunkte verweigerte. Er gewann vor Gericht, aber wie alle Kämpfe hinterließ auch dieser sicher seine Spuren in der Seele.
     Meine älteste Kindheitserinnerung an ihn ist der Respekt, den seine Gestalt bei mir auslöste, wenn er entspannt, in Offiziersuniform, im Rang eines Obersten, nach der Arbeit die Straße entlangschlenderte. Er erlebte also das dritte Reich, die DDR, die Nachwendezeit, und nun die sich immer weiter zuspitzenden Probleme und Konflikte der Gegenwart.
     Während er erzählte, merkte man ihm an, wie lange er geschwiegen hatte, als die Worte nur bruchstückenhaft, holpernd, nach den richtigen Worten tastend, aus seinem Mund purzelten. Mit den verflossenen Minuten wurde die Sprache flüssiger, er schien Freude daran zu haben, mal wieder zu erzählen, und die anderen Zuhörer am Tisch schwiegen, wagten nicht, ihn zu unterbrechen.
     Ins Stocken geriet er erst wieder, als er auf die schlimmste Erfahrung seines langen Lebens zu sprechen kam, den ersten furchtbaren Verlust, seine erste Frau, die er gefunden hatte, durch einen Zufall. Die Freundin einer Freundin eines Militärkollegen, die er auf einem Ball kennen- und liebenlernte, die kurz darauf an Leukämie erkrankte, eine Krankheit, die in den fünfziger Jahren noch nicht gut behandelbar war, seiner Frau monatelanges Siechtum bescherte, bis die behandelnde Ärztin verkündete, es gäbe keine Hoffnung mehr, und seine Liebe in seinen Armen starb.
     Da kennt man einen Menschen schon so lange und ahnt nichts von den Verheerungen, der Seelenpein, die er mit sich herumträgt.

Auf dem Holzweg

Da stand ich doch heute Mittag mit einem guten alten Freund auf dem hölzernen Bootssteg eines Sees, irgendwo in … Dingenskirchen. Und er erzählte mir von seinem 96-jährigen Vater, was dieser beruflich so alles getrieben hatte, und dass er nach dem Krieg einige Jahre in russischer Gefangenschaft war. Da meinte ich zu ihm, wir hätten ja Glück gehabt, dass sein Vater die Gefangenschaft überlebt hatte, später seine Frau kennenlernte und Kinder bekam, sonst hätten wir – mein Freund und ich – uns nie getroffen.
     Und im Stillen sinnierte ich darüber nach, wie viele Menschen mir im Leben wohl schon begegnet waren, die nie geboren wurden, weil ihre Eltern gar keine Chance hatten, sich kennenzulernen.

Fanatisch

Mich würde wirklich brennend interessieren, was all jene, die vor drei Jahren behaupteten, die Corona-Impfungen seien nebenwirkungsfrei und Ungeimpfte müsste man zum Teufel jagen, heute denken, wenn sie so was lesen. Schämen sie sich? Leugnen sie es? Halten sie weiterhin stur an ihrem immer weiter zerbröckelnden Weltbild fest?

Patriotisch

Kreative Wahlwerbung der patriotischen Art. Wobei das Wort patriotisch in diesem Zusammenhang beinahe schon albern klingt, denn immerhin handelt es sich bei den drei Farben um jene der Flagge des Staates, in dem wir leben.
     Das verschwarzrotgoldete Plakat stammt übrigens von der SPD. Wofür stand die noch mal? Keine Ahnung, hab ich total vergessen. Sie selbst vermutlich auch.
     Die schwarz-rot-goldene Flagge hat übrigens eine lange und interessante Geschichte.

Lebensweisheiten

Erkenntnisse eines Mediengestalters: Wenn sich die komischen Pickel und Flecke in Photoshop nicht mehr wegstempeln lassen, wird es Zeit, den Monitor mal wieder gründlich sauberzumachen.

Einfach toll!

Der heutige erste Mai war zum ersten Mal in der Geschichte der ersten Mais vollkommen friedlich! Also … hier in Berlin. Die Straßen waren bevölkert von kleinen flauschigen Kuschelhäschen mit seidenweichem Fell, die nichts anderes wollten als mehr Möhren, was sie auf Schildern und Transparenten deutlich und unmissverständlich formulierten, mit den wohlklingenden Worten: „Hattu Möhren?“
     Und sie bekamen die Möhren! Häschenfreundliche Politiker aller Parteien mischten sich unters Häschenvolk, verteilten Möhren und versprachen mehr Möhren, was die flauschigen Kuschelhäschen freudentanzen ließ.
     Polizisten war übrigens weit und breit keine zu sehen. Sie lagen ermattet zu Hause in ihren Betten und bummelten tief schlafend und von flauschigen Kuschelhäschen träumend all die unschönen Überstunden ab, die sich inzwischen so angesammelt hatten.
     So bekam heute jeder was er wollte. Was für ein schöner Tag!

Blitzblank

Heute endlich Fenster geputzt. Neun Stück in acht Stunden, abzüglich Mittagspause. Überlicherweise geht das viel schneller, aber die Maler, welche die Rahmen kürzlich überlackiert hatten, hatten auch Teile der Scheiben überlackiert, was sich nur echt schwer entfernen ließ.
     Nun sind die Spritzer aber weg, und die Sonne traut sich wieder hinter den Wolken hervor, um sich durch die edlen Mahagoni-Rahmen hindurch wohlig warm in meine Wohnung hineinzuschmeicheln. Zeit wird’s, der Winter war wieder mal echt deprimierend. So wie sonst auch immer.

Silberblick hinauf

Tatsächlich, der Postbote hat’s geschafft, das Kabel ist da! Bei dem Pech, was ich immer so habe, werde ich erst mal nachmessen, ob da auch wirklich 20 Meter * auf der Rolle drauf sind. Neulich, im Baumarkt, hatte ich mir Bretter zuschneiden lassen. Die Länge hatte ich anschließend sofort überprüft. Nur nicht die Breite. Als ich den Messfehler entdeckte, war ich bereits zu Hause.

Nun muss ich das Kabel also verlegen, Kupfer, versilbert, damit’s geschmeidiger klingt. Ob ich das wohl alleine schaffe, bei den großen Boxen?

PS: Der Pastor hat die Weihung abgesagt, Er meinte, er hätte schon was vor, irgendwas mit Kindern. Keine Ahnung, was er vorhaut, äh vor hat.

* 16 Zentimeter zu kurz. Verdammte Halunken!

Klangwelten

Ich musste mir neues Lautsprecherkabel anschaffen, das alte war beim Waschen eingelaufen. Hoffentlich wird es morgen bereits geliefert, denn ich hab nicht viel Zeit zum Verlegen. Sonntag, nach der Predigt, will der Dorfpastor vorbeikommen und das Kabel, des besseren Klanges wegen, weihen. Oder anders formuliert: Er will es … „pastorisieren“.