Eben sah ich an der Straßenbahnhaltestelle einen großen, dicken Mann, Ende Zwanzig, fix und fertig eingekleidet für das Public Viewing des in wenigen Minuten beginnenden Fußballspiels, und er benahm sich komisch. Wobei komisch im Sinne des Wortes eher unpassend ist, denn der Mann tat Folgendes: Er hüpfte immer mal wieder auf der Stelle, schaute ungeduldig in Richtung der zu erwartenden Straßenbahn, riß die Arme hoch und rief laut unverständliche Dinge durch die Gegend. Kurz – er benahm sich wie ein ungeduldiger kleiner Junge, nur daß er dem Kindesalter schon lange entwachsen war.
Und genau das finde ich echt erschreckend. Ein halbwegs normaler Mensch, dem äußeren Anschein nach auch nicht betrunken, verliert dennoch völlig die Kontrolle über sein Tun und benimmt sich merkwürdig, so als befände er sich bereits im Fußball-Rudel-Modus mitten im Stadion, nur mit dem Unterschied, daß er da völlig allein stand und die umstehenden Passanten verängstigte.
Ebenfalls beängstigend fand ich noch seine Tätowierung: Ein Spinnennetz am Ellenbogen. Würde ich mich tätowieren lassen, was ich nicht tue, weil ich noch alle Schaumstoff-Flocken in der Füllung habe, aber würde ich, dann wäre ein Spinnennetz vermutlich eher das letzte, was mir als Motiv einfällt. Gleich nach Totenkopf und Stacheldraht.
Heute hatte ich zufällig mal Howard Carpendales Single „Hello again“ in den Händen und … nee-nee – keine Angst, ich wechsele nicht zum Deutschen Schlager … nein wirklich nicht! Jedenfalls hörte ich mir mal die Rückseite an und entdeckte dort ein tuffiges, kleines Liedchen mit einer durchaus ansprechenden Melodie. Aber ganz besonders der Refrain ist witzig, ich könnte mir vorstellen, daß dieses Lied mit der Zeile: „Schaaahaaadeee … daß ich sonst nichts von Dir weiß“ gute Chancen hat, irgendwann einmal zur heimlichen Stalkerhymne zu werden.
Bei Restaurierungsarbeiten auf Sunlions Wolkenschlößchen wurde, verborgen hinter Farbe und Tapete, eine geheime, alte Karte wiederentdeckt, die vermutlich aus der Zeit von Leonidas dem Seefahrer, einem Urururururururgroßpapi von Sunlion, stammt. Er gehörte zur Panthera-Leo-Familie, einem alten, berüchtigten Seefahrergeschlecht, das angeblich auch durch Piraterie zu zweifelhaftem Ruhm und bescheidenem Wohlstand gekommen war.
Die Karte zeigt die Erde mit dem damaligen Stand der Kontinente, welche sich durch die Kontinentaldrift aber mittlerweile zur derzeit bekannten Form zusammengefunden haben. Ein versteckter Hinweis auf den seit Jahrhunderten verschollenen Großkatz-Schatz konnte jedoch bisher leider nicht entdeckt werden.
Lieber Onkel Obi,
vor ziemlich genau zehn Jahren kaufte ich bei Dir mal eine Dose OBI Classic Design Color, Premium Matt, Bisquit, 5 Liter für fluffige 27,99 Euro, was an sich auch schon ein gepfefferter Preis ist, wenn man ihn mal in DM umrechnet. Heute nun habe ich dieselbe Farbe noch einmal gekauft, und der Verkäufer meinte noch so, das sei diesselbe Farbe, nur das Design der Verpackung hätte sich geändert.
Denkste! Im Keller hatte ich noch eine Dose Farbe von damals, die Menge hat sich bis heute halbiert, die neue Dose enthält nur noch 2,5 Liter. Und jetzt rechnen wir mal alle: 27,99 Euro geteilt durch 2 sind 13,99 Euro. Legen wir noch einen Anstandseuro oben drauf, wegen des wegfallenden Mengenrabatts, so kommen wir auf 14,99 Euro. Soviel dürfte die halbe Menge damals gekostet haben. Mit Hilfe der Inflationstabelle können wir nun verfolgen, wie sich dieser Preis in den letzten Jahren entwickelt haben müßte, die Inflationsrate ist in Klammern angegeben und wird immer zum Vorjahrespreis hinzuaddiert:
2005 (1,6 %): 15,29 Euro
2006 (1,5 %): 15,45 Euro
2007 (2,3 %): 15,80 Euro
2008 (2,6 %): 16,21 Euro
2009 (0,3 %): 16,26 Euro
2010 (1,1 %): 16,44 Euro
2011 (2,1 %): 16,78 Euro
2012 (2,0 %): 17,11 Euro
2013 (1,5 %): 17,37 Euro
Und für 2014 legen wir nochmal 1,5 Prozent drauf, das macht dann 17,63 Euro für 2,5 Liter. Und nun verrate mir doch bitte mal, lieber Onkel Obi – warum kostet die verdammte Dose dann 21,99 Euro, also über vier Euro mehr? Weeßte ooch nich‘, wa? Naja, dacht‘ ick mir schon …
Ohne freundliche Grüße
Dein Sunlion
Ich hasse renovieren! Besonders wenn die blöde, alte Tapete einfach nicht die Wand loslassen will und sich von mir millimeterweise abkratzen läßt, obwohl sie bereits ultrafeucht aus der Wäsche guckt. Wenigstens bin ich nun auf die schlaue Idee gekommen, statt eines Pinsels eine Sprühflasche zum Anfeuchten zu benutzen, dann schwimmt wenigstens nicht das ganze Bad und die Wirkung ist diesselbe.
Zum Glück ist diesmal auch nur das Bad an der Reihe, die anderen Räume sind viiieeelll grööößer …
Die meisten Künstler sind mir sympathisch. Besonders mit Musikern kam ich schon immer gut zurecht. Mein ehemaliger Klavierlehrer, einer der nettesten Menschen dieses und auch jedes anderen Planeten, hat heute geheiratet. Und auch seine Frau – eine ausgesprochen nette und bezaubernd schöne Frau mag ich sehr. Sie sah hinreißend aus in ihrem Brautkleid, einem langen, leicht gerafften, weißen Kleid mit einer korsettartigen Weste darüber, die mit goldenen, ineinander verschlungenen Mustern bestickt war und in der Sonne ein wenig wie Gold schimmerte. Derart geschmückt sah diese schlanke, hochgewachsene Frau aus, wie eine Märchenfee.
Unter den vielen Gästen waren auch noch weitere Musiker, unter anderem zwei Saxophonisten, ein Chellist, mit dem ich mich auch stets sehr gut unterhalten kann, und noch ein Pianist, der bereits durch seine Ausstrahlung aus der Masse hervorsticht und selbst schwierige Werke wie die Revolutionsetüde von Chopin meisterhaft beherrscht und auf der heutigen Party mit angenehmer Hintergrundmusik die Gäste unterhielt. Bekanntlich spielte Chopin ja zu seiner Zeit bereits höhere Töchter schwach, und auch unserem Pianisten konnten die weiblichen Besucher heute nicht widerstehen. Eine schnatterhafte, junge Dame hielt dem Blick in seine blauen Augen dann tatsächlich nicht lange Stand und tauschte bereits nach kurzer Zeit mit dem Meister die Telefonnummern aus.
So erlebte ich endlich mal wieder einen angenehmen Tag mit interessanten Menschen, und als ich mich schließlich auf den Heimweg machte, spielte die Jukebox meines Golfilinchens zum Abschied einen guten alten Titel von Karat, sodaß ich mir vorkam, wie ein Seemann, der Abschied feierte und seine geliebte Familie verläßt, um wieder in See zu stechen. Zurück in eine kalte, graue und stürmische See …
So um die Wendezeit hatte ich eine Freundin, und in der Nacht des Mauerfalls waren wir gerade sehr intensiv mit uns selbst beschäftigt, weshalb wir von dem großen historischen Ereignis nichts mitbekamen und ich am nächsten Tag vollkommen überrascht war, zu hören, die Grenze sei nun für jedermann zu überqueren. An diesem Morgen kam ich nämlich zu spät zur Arbeit, weshalb das Thema bei den anderen Kollegen bereits durch war. Ich wunderte mich beim Blick aus dem Fenster einfach nur über den ungewöhnlich schwachen Verkehr am Straußberger Platz, worauf einer der Mitarbeiter sagte, die seien bestimmt alle im Westen. Schon klar … im Westen!
Die Beziehung mit dem Mädel hielt allerdings nicht lange, doch wir waren auch später noch freundschaftlich verbunden, und eines Tages lud sie mich dann zu einer Gartenparty ein, mit anschließender Übernachtung. So lagen wir also in der mittelgroßen Gartenlaube mit etwa 12 Personen, und ich konnte wie üblich nicht einschlafen. Irgendwer stellte dann mitten in der Nacht den CD-Player an, aus dem Sinead O’Connors Debütalbum dudelte, leise zwar, aber dennoch störend. Und nach wenigen Minuten war mir auch klar, was das Ganze sollte: Die Musik sollte wohl die Sexgeräusche übertönen, welche von zwei Pärchen ausgingen, darunter auch meine Exfreundin mit ihrem neuen Freund.
Danach mochte ich Sinead O’Connor irgendwie nicht mehr so gern hören. Aber heute, also 25 Jahre später, gefällt mir die Musik plötzlich wieder. Demnach scheint das Sprichwort wohl zu stimmen – die Zeit heilt alle Wunden.
God grant me the serenity to accept the things I can not change,
courage to change the things I can,
and the wisdom to know the difference
Auf ZDF-Info läuft gerade die interessante Dokumentation „Der letzte Kampf der Riesen“, in der das rätselhafte Aussterben der Mammuts thematisiert wird. Neueste Forschungen versuchen derzeit zu beweisen, daß die Mammuts durch einen Meteoriteneinschlag ausgestorben sind, was anhand von winzigen Metallsplittern in Steinen, Stoßzähnen, Knochen und anderen Überresten aus der damaligen Zeit bewiesen werden soll. Das Fehlen eines Einschlagkraters wird übrigens damit erklärt, daß die damals über dem Kontinent liegende, dicke Eisschicht die Aufprallenergie abgeschwächt haben soll.
Bemerkenswert finde ich jedoch die Tatsache, daß all die Wissenschaftler aus den vielen, unterschiedlichen Fachgebieten völlig verschiedene Ansichten zu dem Thema haben und diese auch nachvollziehbar beweisen können, zum Beispiel sollen die damals auf der Erde lebenden Menschen die Mammuts so stark bejagt haben, daß am Ende keiner mehr übrig war. Ich wette, die Sanitärindustrie könnte auch den Beweis erbringen, daß die Mammuts schlicht und einfach totgepinkelt wurden.

Es war 1983, wir pickeligen Ost-Teenies hatten nur die Wahl zwischen „Schlager der Woche“ mit dem genialen Lord Knut und „Hey Music“ mit Jürgen Jürgens (beides lief auf eigentlich verbotenen Westradiosendern) – da verkündigte der Lord zum ersten Mal seinen Namen … und zunächst sprach er ihn deutsch, also wie I, statt korrekt in Englisch, wie Ai: Billy Idol. Sein erster Hit „Rebell Yell“ yellte mir sofort sympathisch in den Ohren, und ich weiß noch genau, wie ich jede Woche erneut zum Lord betete, er möge sich erbarmen und den Titel immer und immer wieder spielen, damit ich mit meinem buckeligen Sonett-Monorekorder die Chance hatte, den Song in einigermaßen vertretbarer Qualität aufzunehmen, wobei der Rekorder an den Fehlversuchen eigentlich völlig unschuldig war, weil ich mich einfach nur zu blöd anstellte, den Aussteuerungsregler, der gleichzeitig als Klangregler fungierte, vernünftig einzustellen. Es war die Hochzeit der Popmusik, viele Bands, von denen damals noch gar nicht absehbar war, ob sie mal groß rauskommen würden oder nicht, wie etwa Depeche Mode, tummelten sich mit unglaublich kreativer Musik in den Hitparaden, der immer erschwinglicher werdende Synthesizer machte diese Revolution möglich. Es gab jede Woche etwas Neues, massenweise Futter für die Musikkassetten, und niemals war Radiohören spannender.
Billy Idol war anders: Er war rotzig, frech, punkig und trotzdem nicht schmuddelig, Edelpunk nannte man das damals. Irgendwie schaffte er es wie kein zweiter, die Hörer entweder magisch anzuziehen oder abzustoßen. Ich mochte ihn jedenfalls, kurzzeitig trug ich sogar die gleiche Frisur wie er, nur blondieren – das traute ich mich dann doch nicht. Sein fieses Peitschenschnurlächeln und die zur Schau getragene Coolness eines Jungspundes waren so abstoßend wie faszinierend zugleich. Und diese Musik … White Wedding, Don’t Need A Gun und Flesh for Fantasy brachten einfache jede Party zum Kochen.
Gestern nun habe ich den Mann zum ersten Mal live gesehen. Er spielte in der Zitadelle Spandau vor geschätzten 3000 Zuhörern, und was dieser fast 60-Jährige da auf der Bühne abzog, war einfach nur spektakulär. Billy ließ sich nicht lange bitten und tobte, tanzte, sprang und sang schon nach wenigen Minuten mit freiem Oberkörper auf der großen Bühne herum. Entweder ist er ein Außerirdischer oder er ernährt sich sehr gesund und treibt täglich Sport, denn ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Mann seines Alters in so guter Verfassung gesehen zu haben. Seine mehr als 30 Jahre Bühnenerfahrung sind deutlich spürbar, er kämpft um wirklich jeden Fan und gibt allen das gute Gefühl, von ihm … von IHM … bemerkt worden zu sein. Auch seine Bandkollegen sprühen nur so vor guter Laune und widmen selbst den weit neben der Bühne stehenden Fans ihre Aufmerksamkeit. Natürlich wurden auch jede Menge Idol-Devotionalien verteilt, Billy warf ein paar signierte Pappteller wie Frisbeescheiben ins Publikum, Steve verschenkte seine Plektren, und außerdem gab es noch ein paar Trommelstöcke und Playlisten als Andenken. Der Sound war perfekt, die Performance äußerst beeindruckend, so sollte ein Konzert sein. Und dann noch dieses markante Gesicht … ohhh, diese Stimme … ich glaube, er ist wirklich ein Außerirdischer.
Fotos: Stoffhase/Sunlion
Normalerweise tötet der Löwe den Affen. Aber wir leben in einer Affenwelt, deshalb durfte der kleine, dumme Affe gestern weiterleben.

