Klingelingeling!
„Hallo?“
„Ja guten Tag, Polizeihauptkommissar Müller von der Polizeiwache Weißensee! Spreche ich mit Herrn Sonniglöw‘?“
„Ähh … ja?“ (Verdammt, was will der denn? Hab ich was falsch gemacht? Warum hab ich plötzlich so ein flaues Gefühl in der Magengegend? Wieso schlottern meine Knie so komisch?)
„Sind Sie der Fahrer eines blauen Golfes?“
„Öhm … ja, das ist richtig.“ (Mein Golf? Mein Golfilinchen? Mein pazifikblaues Spielmobil? Was ist damit? Woher kommen nur diese plötzlichen Schweißausbrüche?)
„Waren Sie damit heute in einen Unfall verwickelt?“
„Äh … nein, eigentlich nicht!“ (Ooohhh nein, mein geliebtes Golfilinchen, was kann ihm nur zugestoßen sein? Ich hab doch heute früh noch nach ihm geschaut, da stand es, wo ich es zuletzt abgestellt habe, es war pudelnaß, ein paar Nußbaumblätter lümmelten sich auf seinem edlen Lack, aber sonst ging es ihm gut. Wurde es entführt? Verschleppt von Gangstern und Ganoven? Geschändet und benutzt für deren Missetaten? Golfi? Golfilinchen? Geht es Dir gut? Was ist nur mit Dir?)
„Hahaha … reingelegt, hier ist der Rally, dein ehemaliger Fahrlehrer!“
„ … grrr …!!!“
Da hat sich mein Energieversorger „Böser Stromer“ doch mal eben wieder einfallen lassen, am 1. Januar die Preise zu erhöhen, und zwar kräftig. Nun ist ja der Flauschige nicht doof, greift zu seinem handelsüblichen Browser, sucht auf den einschlägigen Vergleichsportalen nach Abhilfe und wird fündig. Günstigster Anbieter im Feld ist … naaa, wer wohl? Genau – „Böser Stromer“! Ich also beim Stromer-Kundendienst angefragt, ob wir uns die alberne Wechselprozedur nicht sparen können und sie mir freiwillig den günstigeren Tarif gewähren.
Machta!
Na also, geht doch!
Zwischen zwei Spielfilmen entdeckte ich soeben in einem Werbeblock die neue Werbung für Microsofts Surface, also das iPad für Arme. Was hier jetzt so respektlos dahingerotzt klingt, ist leider bitter-ernst gemeint, denn an dem Filmchen schockierte mich zweierlei: Zum einen der total katastrophale Inhalt und zum anderen die Tatsache, daß ein Global Player wie Microsoft es noch immer nicht hinbekommt, so eine Werbung gleichzeitig und medienübergreifend zu starten, denn im Internet ist der Film nicht zu finden. Somit bleibt mir also nur, die Szene zu beschreiben:
Eine grauer, wenig attraktiver Mann sitzt in einer grauen, wenig attraktiven Straßenbahn, also dem Fortbewegungsmittel für Arme, und protzt mit seinem Surface herum, erzählt, was es alles kann, zum Beispiel Office! Allein schon bei diesem Begriff schaltet sich das Kaufsuchtzentrum meines Gehirns blitzartig ab. Was zum Teufel ist nur so wahnsinnig attraktiv an Office? Ist es Word oder eher Excel? Und dann sitzt dieser Mann inmitten von lauter anderen grauen Mäusen, einige müssen sogar stehen, weil nicht genügend Sitzplätze frei sind, halt so wie man den öffentlichen Nahverkehr kennt. Die ganze Szene wirkte so bizarr und unattraktiv, daß ich als Microsoft-Chef meine gesamte Marketingabteilung für dieses Machwerk umgehend und fristlos gekündigt hätte. Wegen Verdachts auf Sabotage.
Und dann sehe ich als Kontrast dazu den aktuellen Clip von Apples iPad Air – farbig, edel, emotional und sehr attraktiv – sowohl optisch als auch akustisch, raffiniert bis ins Detail und mit überraschendem Ende, solange man die Botschaft des Films nicht kennt. Gemacht für Musiker, Kreative, Forscher, Lehrer, Dichter, Vorstandsetagen und Astronauten. Oder kurzgefaßt – für Gewinner. Leute, die es einfach nicht nötig haben, mit grauen Straßenbahnen zu fahren.
Sie bewegen Ihr Fahrzeug in dichtem Feierabendverkehr, das Geschehen ist hektisch, Autofahrer vor und hinter Ihnen wechseln häufig den Fahrstreifen, vereinzelt wird nervös gehupt, außerdem ist Ihr Autoradio sehr laut aufgedreht. Sie werden unruhig und verlieren zunehmend die Übersicht. Wie reagieren Sie?
Richtige Antwort: Ich stelle das Radio lauter, bis ich das störende Hupen nicht mehr wahrnehme. Außerdem sind die Spiegel verstellt, der hektische Verkehr hinter mir lenkt mich nur ab. Ich korrigiere die Einstellung aller Spiegel so, daß ich mich selbst wieder darin sehen kann.
Wenn man eins und eins zusammenzählt, kommt niemals drei heraus oder eins oder einskommafünf, sondern immer zwei.
Als ich noch drei Etagen tiefer wohnte, hatte ich einen sehr unangenehmen Nachbarn, nennen wir ihn Herrn Knüllermüller. Wenn ich etwas bei Otto bestellte, so gab der Hermesbote – entsprechend Murphys Gesetz – das Paket während meiner Abwesenheit immer bei diesem Nachbarn ab, sodaß ich beim Abholen mit ihm in Kontakt geriet. Um das zu vermeiden, rief ich eines Tages bei Otto an und bat darum, die Sendung nicht mehr bei Herrn Knüllermüller abzugeben, woraufhin Otto einen Zusatz in meine Anschrift aufnahm, die dann folgendermaßen lautete:
Seine Hoheit
Sunlion Sonniglöw‘
Nicht bei Knüllermü
Ganz oben
Wolkenschlößchen 1
12345 Berlin
Das angeknabberte Knüllermü war anscheinend der kastrierten Neunziger-Jahre-Datenverarbeitung geschuldet, aber es funktionierte – die Pakete wurden seitdem immer bei anderen Nachbarn abgegeben, die aber teilweise nicht weniger unangenehm waren.
Gestern nun erhielt ich einen Brief von der Targo-Bank, die mich auf ihre tollen Kreditangebote mit flauschigen 6,99 Prozent effektiven Jahreszins hinwies, während sie selbst das Geld vermutlich für nullkommanix von der EZB geschenkt bekommt. Und was entdecke ich da im Adreßfeld:
Seine Hoheit
Sunlion Sonniglöw‘
Nicht bei Knüllermü
Ganz oben
Wolkenschlößchen 1
12345 Berlin
Und jetzt zählen wir mal alle eins und eins zusammen!
Gauner, verfluchte!
Ich mag Sonntage. Man kann so schön ausschlafen. Draußen ist es ruhig, drinnen auch, die Welt kommt zum Stillstand. Niemand der stört oder nervt. Irgendwann, wenn man es geschafft hat, die Symbiose von Körper und Bett voneinander zu trennen, gibt es ein gemütliches Frühstück, am liebsten mit Ei. Der Geschmack eines frischen Brötchens (aus der Tiefkühltruhe), zusammen mit Butter und Eigelb ist das beste, was einem morgens passieren kann.

Und nach dem Frühstücken … geht man einfach wieder ins Bett.
Gute Nacht!
Während des zweiten Weltkrieges, als Kind, spielte er mit einem interessant aussehenden, metallischen Gegenstand. Die Explosion der Granate riß ihm die rechte Hand, mehrere Finger der linken Hand und einen Großteil des rechten Beines ab. Trotz seiner schweren Verletzungen rappelte er sich auf, studierte, promovierte und arbeitete als Abteilungsleiter in einem der angesehensten wissenschaftlichen Institute Berlins. Wenn er meine Eltern zu Hause besuchte, brachte er mir immer Geschenke mit, die für mich, der ich nur wenig Taschengeld bekam, unermeßlich teuer schienen und mich staunen ließen. Besuchte ich kleiner Knirps ihn auf Arbeit, nahm er sich stets ein paar Minuten Zeit für mich, unterhielt sich ernsthaft mit mir und behandelte mich wie einen Großen. Nie hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein oder zu stören. Heute erfuhr ich, daß er bereits im Mai dieses Jahres nach langer, geduldig ertragener Krankheit verstorben ist. Zu spät wird mir bewußt, daß ich Dich gern noch einmal wiedergesehen hätte.
K. – ich habe Dich sehr gemocht, und Du verdienst meinen ganzen Respekt. Für Deine menschliche, aufrechte und ehrliche Art.
Ich werde Dich nie vergessen.
Sie kommen an eine Kreuzung zweier gleichberechtigter Straßen. Dort staut sich der Verkehr, sowohl Pkw als auch Radfahrer sind daran beteiligt, mehrere Fußgänger stehen unschlüssig auf dem Geweg und wollen die Straße überqueren. Sie haben als einziger Vorfahrt, die Straße in welche Sie einbiegen wollen ist aber durch Fahrzeuge blockiert, die nicht weiterfahren können, da sie Ihnen Vorfahrt gewähren müssen. Wie verhalten Sie sich?
Richtige Antwort: In solchen Situationen bleibe ich grundsätzlich so lange stehen, bis sich das Knäuel entwirrt hat und signalisiere allen anderen, daß sie als Erste fahren können. Ihr glaubt gar nicht, wie leicht es ist, Menschen glücklich zu machen, soviel freundliches Lächeln und Gesten des Dankes bekommt man sonst das ganze Jahr über nicht.
Stellt Euch mal vor, Ihr erbt einen Schatz! Der steht in Form von verrosteten Autoteilen in Opas altem Schuppen, überall Löcher, die Räder hängen auf halb Acht, die Sitze müffeln zum Davonlaufen, aber es ist nun mal der Klassiker überhaupt, keiner ist schöner, keiner begehrenswerter, genau der muß es sein.
Also nehmt Ihr all Euer Geld, all Euren Mut zusammen und fangt an, ihn zu restaurieren. Ihr lest Bücher, recherchiert im Internet, trefft Leute, die Ahnung davon haben. Und dann geht es los, die Karosserie wird abgeschliffen, geschweißt, gespachtelt, grundiert, lackiert. Nach fehlenden Teilen sucht ihr halb Europa ab, bezahlt horrende Summen für eine Türklinke, findet hier ein Ersatzteil für den Tacho, dort ein Blech, welches aber erst mal beim Galvaniseur neu verchromt werden muß. Der Motor wird komplett zerlegt, gewartet und wieder zusammengesetzt, ein neues Getriebe muß auch noch her. Der Polsterer kümmert sich um die Sitze, neue Füllung, feinstes Leder – ein Traum! Und nach unzähligen Arbeitsstunden und einem Haufen Geld nimmt das Projekt langsam Gestalt an. Der herrliche 300 SL blinkt und blitzt wie ein neuer Penny, bis … nun ja – bis auf den Kofferraum. Der ist leider so verbeult und durchlöchert, daß ein neuer her muß. Aber kein Problem, wir nehmen einfach ein SL-Modell aus der aktuellen Serie, sägen dort den kompletten Kofferraum ab und schweißen ihn an das alte Modell dran. Eine absolut perfekte Lösung … oder? Wohl eher nicht! Kein Mensch käme auf die Idee, ein historisches Fahrzeug so zu verunstalten.
Doch wie sieht es da in anderen Branchen aus? Auch bei der Rekonstruktion eines hunderte Jahre alten Deckengemäldes einer Kirche käme wohl kein Restaurator jemals auf die Idee, neunzig Prozent des kostbaren Werkes originalgetreu wiederherzustellen und die restlichen zehn Prozent mit moderner Micky-Maus-Kunst zu überpinseln, dilettantische Versuche durch Laien mal außen vor gelassen. Auch ein Uhrmacher würde sich wohl eher die Finger abschneiden, als eine wertvolle historische Uhr mit einem modernen Quarzwerk zu verunstalten.
Schon merkwürdig: Bei all den Kostbarkeiten gehen Fachleute klug, behutsam und umsichtig vor, um den Kunstwerken nicht zu schaden. Aber bei Architektur gelten diese Regeln anscheinend nicht. Wie sonst wohl läßt sich die moderne und zum alten Gebäudestil völlig unpassende Kuppel des Reichstags erklären, oder die teilweise verunstaltete, künstlich in defektem Zustand belassene Fassade des wiederaufgebauten Neuen Museums, mit welcher der Architekt an die Kriegsschäden erinnern wollte.
Und nun also das Berliner Stadtschloß: Das allein schon die Wiedererrichtung der Außenfassade beispiellos teuer werden dürfte, ist kaum verwunderlich, die vielen Stuckelemente werden den Aufwand wohl erheblich in die Höhe treiben. Wenn dann also das Geld fehlt, um auch die Innenräume originalgetreu zu rekonstruieren, habe ich dafür absolut Verständnis – lieber das von außen echt aussehende Stadtschloß als perfekten Abschluß des architektonischen Gesamtwerkes der Straße Unter den Linden, anstatt den häßlichen Palast der Republik. Und bevor hier jemand ’nen Herzkasper kriegt – auch ich habe als Kind staunend auf den riesigen roten Ledercouches gesessen, die vielen Gemälde bewundert, die unterschiedlich farbigen Etagen zu entschlüsseln versucht, Bowling gespielt, in der Disko unerreichbar wirkende Mädchen angebetet und im großen Saal mit seinen beweglichen Zuschauertribünen Tränen gelacht bei „Spaß muß sein“ mit Eberhard Esche als Conférencier. Trotzdem weine ich dem eckigen, braunen Klotz keine Träne nach.
Aber was bitte hat sich der Architekt dabei gedacht, dem Schloß an der Spreeseite einen modernen Abschluß zu verpassen? Ist das so eine Art Rache, weil er im Grunde genommen doch nur das Gebäude eines anderen Architekten wiederaufbauen darf? Oder vielleicht die Angst eines jeden Egomanen, daß die Geschichtsbücher seinen Namen verschweigen werden, so wie ich das hier gerade tue? Oder sind es einfach nur ganz normale, handelsübliche Dummheit und Geschmacklosigkeit, wie man sie an jeder Ecke findet?
Derzeit hat sich der Architekt Stephan Braunfels noch einmal mit seinem Entwurf eines nach Osten hin offenen Areals zu Wort gemeldet. Auch dieser ist nichts anderes als ein 300er SL ohne Kofferraum. Aber besser so, als der moderne Schwachsinn des Siegerentwurfs, bei dem sich zukünftige Generationen mal wieder kopfschüttelnd fragen werden, was die Ahnen damals wohl für Kraut geraucht haben. Und vor allem, wieso der Denkmalschutz mal wieder versagt hat.
Es ist graumeliert, groß genug, um ein Elefantenbaby darin unterzubringen, hat vier Löcher – oben, unten, rechts und links, und auf der Vorderseite sind fünf Köpfe abgebildet, einer davon hat zwei Hörner. Außerdem noch jede Menge Buchstaben. Und – Achtung, jetzt kommt’s – es hängt in meinem Bad!
Ich wette, es gibt auf dieser Welt nur eine Person, die weiß, um was es sich handelt! Könnte ich mit Worten fies grinsen, würde ich es jetzt tun!
