Menü Schließen

Begegnung bei der Futtersuche

Geht das Löwenmännchen auf die Jagd, um sich sein alltägliches Mittagessen aus der Kühltruhe zu besorgen, kommt es auch an einem Parkplatz vorbei und schaut kurz nach, ob es dem Golfilinchen gut geht. Heute traf ich dabei zwei Herren von der Berliner Stadtreinigung, die damit beschäftigt waren, Schmutz und Herbstlaub zusammenzukehren und wegzuschaffen. Und da ich ein netter Mensch bin, schob ich mein pazifikblaues Spielmobil ein Stückchen zur Seite, damit die Kehrmaschine besser an die schmutzigen Ecken kommt. Dabei ergab sich eine interessante Unterhaltung: Die BSR nutzt nämlich sämtlichen anfallenden Unrat, der nicht recycelt wird, zur Energiegewinnung. Aus Laub und Müll wird also Strom und Gas. Selbst der im Winter verteilte Streusplit wird wiederaufbereitet.
Anscheinend setzt sich langsam überall die Einsicht durch, daß Sonne, Wind und Laubbäume keine Rechnung schicken, im Gegensatz zu Kern- und Kohlekraftwerken.
Eine erfreuliche Erkenntnis, wie ich meine.

Liver als das Leben

Mitte der Achtziger ging ich mal in eines der volkseigenen Schallplattengeschäfte, die in ihrem für normalsterbliche DDR-Bürger zugänglichen Kundenbereich auch fast nur Tonträger von volkseigenen Musikern im Angebot hatten. Die aus verschiedenen Gründen begehrteren Produkte des westlichen Auslands gab es nämlich nur in den Regalen der hinteren Räumlichkeiten. Als damals im Handel beschäftigter Auszubildender hatte ich plötzlich Beziehungen in alle möglichen Branchen und konnte einmal einen Blick in die versteckten Regale werfen, von AC/DC bis fast zum oberen Ende des Alphabets war alles vorhanden. Mich interessierte aber mehr ein Album der mir unbekannten Band Omega aus Ungarn, ein Livealbum, aufgenommen 1979 im Budapester Kisstadion. Das ungewöhnlich glänzend folierte Cover und die attraktive Gestaltung lockten mir doch tatsächlich mein sauer erspartes Taschengeld aus dem Portemonnaie, ohne daß ich auch nur einen einzigen Titel probegehört hätte. Da kann man mal wieder sehen, wie wichtig gutes Design ist!
Und ich wurde nicht enttäuscht: Zu Hause angekommen, stöpselte ich den Monoplattenspieler meiner Eltern mit meinem eigenen Monoplattenspieler zusammen, steckte den linken Kopfhörerstecker in den einen und den rechten in den anderen Plattenspieler (DDR-Kopfhörer hatten spezielle Stecker) und konnte die Platte plötzlich in phänomenalem Stereo hören. Phänomenal deshalb, weil die Tontechniker bei diesem Livealbum ganze Arbeit geleistet haben. Das Publikum ist nämlich nicht nur als menschliche Geräuschmasse im Hintergrund zu hören, sondern die Fans sind so fein aufgelöst, daß man einzelne Rufe und chorbildende Grüppchen deutlich heraushören und dem Stereospektrum zuordnen kann. Dazu spielt die Band ihre Songs nahezu in Studioqualität, sodaß sich insgesamt eines der besten Livealben ergibt, die je produziert wurden.
2002 wuselte ich durch die Plattenabteilung bei Saturn und fand dieses Album als Doppel-CD im Regal, allerdings hatte ich es wegen meines am nächsten Tages startenden Malediven-Urlaubs sehr eilig, sodaß ich beschloß, die CD nach meinem Urlaub zu kaufen.
Böser Fehler! Ich sollte die CD danach nie wieder zu Gesicht bekommen, die Auflage war nur gering und sofort vergriffen, selbst auf dem Gebrauchtmarkt ist sie nicht zu bekommen, nicht mal für teures Geld. Irgendwann kaufte ich die ähnlich aussehende CD mit dem Titel „Live at the Kisstadion“, gab etwa 80 Euro dafür aus, um dann enttäuscht festzustellen, daß es sich um das Livekonzert mit darübergelegten, englischsprachigen Studioaufnahmen handelte, natürlich in grauenhafter Qualität. Die CD wanderte sofort wieder für 90 Euro zu Ebay.
Etwas später hatte ich das Warten auf ein Wunder satt und digitalisierte mit hohem Aufwand die Schallplatten, entfernte manuell jedes Knistern und Rauschen, fügte die vier Seiten unhörbar zu einem durchgängigen Konzert zusammen und mischte den Sound so ab, daß er den wenigen Stellen der CD entsprach, die nicht von den englischsprachigen Gesangseinlagen überlagert wurden. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die digitalisierte Fassung erinnerte kaum noch an die klanglichen Schwächen einer Schallplatte.
Und heute nun geben ich im iTunes-Store mal aus Neugierde den Suchbegriff Omega ein, und was haben die da? Die digitale, ungarischsprachige Originalfassung von Kisstadion 79! Also wer gute Rockmusik aus den Siebzigern mag, sich von der ungarischen Sprache nicht abschrecken läßt und eine gute, laute Stereoanlage sowie tolerante Nachbarn sein eigen nennt, sollte sich dieses hervorragende Livealbum mit seinen langen, melodiösen Stücken ruhig mal zu Gemüte führen. Denn liver geht’s nicht.

Ejfeli koncert/Mitternachtskonzert

Herzerschütternder Sonnenuntergang hinter dem Kessel,
wo vor dem Konzert uns zehntausend erwarten.
Weiter hinten bei den Kulissen
schüttelt ein älterer Mann seinen Kopf und schenkt sich noch mal ein.

Zehntausend Herzen trommeln gemeinsam,
die Töne explodieren.
In der aufleuchtenden Nacht scheint es,
als ob zehntausend Stühle sich zueinander neigten.

Der Nebelzauber ist aus, nur eins bewegt uns.
Runter von der Bühne, wieder auf die Erde.
Der zeitungsbleiche Mond scheint,
alles ist ausgestorben. Der Abend ist für immer vergangen.

Es leben so viele Menschen auf der Erde,
so müde wie ich ist keiner.
Ich schau auf ein zerknittertes Foto von uns,
es liegt auf der Erde. Der Wind hebt es dann sanft empor.

Eine Fülle an Leere

Soeben im Onlineshop von Otto: 35 Seiten mit je 75 Jacken und nicht eine einzige dabei, die mich vom Hocker reißt! So lief das schon vor 30 Jahren, wenn ich in der DDR als Jungspund die Geschäfte der sogenannten „Jugendmode“ betrat: Volle Regale, aber nichts davon war tragbar oder auch nur ansatzweise attraktiv.
Erstaunlich, wie sich Geschichte doch wiederholt …

Meine vier ältesten Freunde

Heute besuchte ich meine Mum, wir stiegen in den Keller und schauten mal in diese und jene Kiste. Und da traf ich sie wieder, meine vier ältesten Freunde. Ich habe sie seit über dreißig Jahren nicht mehr gesehen, sie waren zwar in einer Kiste verpackt, aber trotzdem hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen, so wie bei uns allen. Sie sind schmutzig, staubig und müffeln ein wenig. Nach Feuchtigkeit und Kohlenstaub, so wie halt alles riecht, wenn man es nach langer Zeit aus dem Keller holt.

Nun sitzen sie da vor mir, Brummel 1, Brummel 2, Mischka und Kokko – der Esel. Sitzen da, mit gesenkten Häuptern, nach dreißig Jahren in Dunkelhaft unbeachtet und wissen, daß es um ihre Existenz geht. Denn irgendwann ist das Band, das dich noch mit deiner Kindheit verbindet, verschwunden, zerrissen, vergessen. Ist doch nur ein Stück Stoff, ausgestopft mit Füllmasse, dachte ich bei mir und sah mich im Geiste die vier Exfreunde schon in der Mülltonne versenken.
Brummel 1 verlor mal bei einer Zugreise seine Nase, sie war anschließend unauffindbar und auch unwiederbringlich, denn der VEB Spielwaren Sonneberg konnte keinen Ersatz liefern. Eine notdürftig gebastelte Nase aus Knete gab ihm sein Gesicht zurück, wenn auch nur für kurze Zeit. Brummel 2 verlor gern mal seine Krone, Mischka konnte den Kopf um 360 Grad drehen, eine Eigenschaft, um die ich ihn noch immer beneide. Und Kokko … ich glaube, den hatte ich schon, als ich noch kleiner war, als er.
Kann man seinen ältesten Freunden so etwas antun? Sie einfach entsorgen, wie leere Joghurtbecher? Herzlos auf den Unrat der Geschichte verbannen? Was mache in nun mit Euch?
Am besten erst mal zurück in die Kiste und die Entscheidung vertagen. Vielleicht kommt ja irgendwann die Zeit, wo ich mich nicht mehr an sie erinnern kann und der Abschied nicht so schwer fällt. Wenn ich mich nicht mal mehr an mich selbst erinnern kann …

Manchmal Lichtjahre entfernt

Eine witzig gemachte Datingseite der anderen Art findet sich unter imgegenteil.de. Hübsch gestaltet und attraktiv fotografiert können sich dort Singles präsentieren und auf Kontakt hoffen. Was zur Zeit noch äußerst überschaubar ist, könnte sich schon bald zu einem echten Renner entwickeln, denn so ausführlich, ehrlich und wirklichkeitsnah habe ich sonst noch keine Singlebörse erlebt. Insbesondere die Portale, wo man erst mal einen Sack voll Fragen beantworten muß und ein Computerprogramm anschließend den vermeintlich am besten passenden Partner auswählt, sind meiner Ansicht nach Lichtjahren von der Wirklichkeit entfernt, denn im realen Leben entsteht der erste Eindruck immer erst über das Aussehen und nicht mit Hilfe einer schriftlichen Bewerbung.
Daher drücke ich Jule und Anni, den zwei Hobby-Verkupplerinnen, ganz doll die Daumen und wünsche ihnen mit ihrer tollen Idee ganz viel Erfolg!
Also dann, husch-husch Ihr kleinen Häschen – datet euch, liebt euch. Jetzt!

Knapp vorbei am Herzinfarkt

Klingelingeling!
„Hallo?“
„Ja guten Tag, Polizeihauptkommissar Müller von der Polizeiwache Weißensee! Spreche ich mit Herrn Sonniglöw‘?“
„Ähh … ja?“ (Verdammt, was will der denn? Hab ich was falsch gemacht? Warum hab ich plötzlich so ein flaues Gefühl in der Magengegend? Wieso schlottern meine Knie so komisch?)
„Sind Sie der Fahrer eines blauen Golfes?“
„Öhm … ja, das ist richtig.“ (Mein Golf? Mein Golfilinchen? Mein pazifikblaues Spielmobil? Was ist damit? Woher kommen nur diese plötzlichen Schweißausbrüche?)
„Waren Sie damit heute in einen Unfall verwickelt?“
„Äh … nein, eigentlich nicht!“ (Ooohhh nein, mein geliebtes Golfilinchen, was kann ihm nur zugestoßen sein? Ich hab doch heute früh noch nach ihm geschaut, da stand es, wo ich es zuletzt abgestellt habe, es war pudelnaß, ein paar Nußbaumblätter lümmelten sich auf seinem edlen Lack, aber sonst ging es ihm gut. Wurde es entführt? Verschleppt von Gangstern und Ganoven? Geschändet und benutzt für deren Missetaten? Golfi? Golfilinchen? Geht es Dir gut? Was ist nur mit Dir?)
„Hahaha … reingelegt, hier ist der Rally, dein ehemaliger Fahrlehrer!
„ … grrr …!!!“

Das alljährliche Spielchen mit den bösen Stromern

Da hat sich mein Energieversorger „Böser Stromer“ doch mal eben wieder einfallen lassen, am 1. Januar die Preise zu erhöhen, und zwar kräftig. Nun ist ja der Flauschige nicht doof, greift zu seinem handelsüblichen Browser, sucht auf den einschlägigen Vergleichsportalen nach Abhilfe und wird fündig. Günstigster Anbieter im Feld ist … naaa, wer wohl? Genau – „Böser Stromer“! Ich also beim Stromer-Kundendienst angefragt, ob wir uns die alberne Wechselprozedur nicht sparen können und sie mir freiwillig den günstigeren Tarif gewähren.
Machta!
Na also, geht doch!

Der kleine Unterschied zwischen Mittelmaß und Genie

Zwischen zwei Spielfilmen entdeckte ich soeben in einem Werbeblock die neue Werbung für Microsofts Surface, also das iPad für Arme. Was hier jetzt so respektlos dahingerotzt klingt, ist leider bitter-ernst gemeint, denn an dem Filmchen schockierte mich zweierlei: Zum einen der total katastrophale Inhalt und zum anderen die Tatsache, daß ein Global Player wie Microsoft es noch immer nicht hinbekommt, so eine Werbung gleichzeitig und medienübergreifend zu starten, denn im Internet ist der Film nicht zu finden. Somit bleibt mir also nur, die Szene zu beschreiben:
Eine grauer, wenig attraktiver Mann sitzt in einer grauen, wenig attraktiven Straßenbahn, also dem Fortbewegungsmittel für Arme, und protzt mit seinem Surface herum, erzählt, was es alles kann, zum Beispiel Office! Allein schon bei diesem Begriff schaltet sich das Kaufsuchtzentrum meines Gehirns blitzartig ab. Was zum Teufel ist nur so wahnsinnig attraktiv an Office? Ist es Word oder eher Excel? Und dann sitzt dieser Mann inmitten von lauter anderen grauen Mäusen, einige müssen sogar stehen, weil nicht genügend Sitzplätze frei sind, halt so wie man den öffentlichen Nahverkehr kennt. Die ganze Szene wirkte so bizarr und unattraktiv, daß ich als Microsoft-Chef meine gesamte Marketingabteilung für dieses Machwerk umgehend und fristlos gekündigt hätte. Wegen Verdachts auf Sabotage.
Und dann sehe ich als Kontrast dazu den aktuellen Clip von Apples iPad Air – farbig, edel, emotional und sehr attraktiv – sowohl optisch als auch akustisch, raffiniert bis ins Detail und mit überraschendem Ende, solange man die Botschaft des Films nicht kennt. Gemacht für Musiker, Kreative, Forscher, Lehrer, Dichter, Vorstandsetagen und Astronauten. Oder kurzgefaßt – für Gewinner. Leute, die es einfach nicht nötig haben, mit grauen Straßenbahnen zu fahren.

Fahrschulprüfungsfrage Nr. 1004:

Sie bewegen Ihr Fahrzeug in dichtem Feierabendverkehr, das Geschehen ist hektisch, Autofahrer vor und hinter Ihnen wechseln häufig den Fahrstreifen, vereinzelt wird nervös gehupt, außerdem ist Ihr Autoradio sehr laut aufgedreht. Sie werden unruhig und verlieren zunehmend die Übersicht. Wie reagieren Sie?
Richtige Antwort: Ich stelle das Radio lauter, bis ich das störende Hupen nicht mehr wahrnehme. Außerdem sind die Spiegel verstellt, der hektische Verkehr hinter mir lenkt mich nur ab. Ich korrigiere die Einstellung aller Spiegel so, daß ich mich selbst wieder darin sehen kann.