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Handelt Otto auch mit Kundendaten?

Wenn man eins und eins zusammenzählt, kommt niemals drei heraus oder eins oder einskommafünf, sondern immer zwei.
Als ich noch drei Etagen tiefer wohnte, hatte ich einen sehr unangenehmen Nachbarn, nennen wir ihn Herrn Knüllermüller. Wenn ich etwas bei Otto bestellte, so gab der Hermesbote – entsprechend Murphys Gesetz – das Paket während meiner Abwesenheit immer bei diesem Nachbarn ab, sodaß ich beim Abholen mit ihm in Kontakt geriet. Um das zu vermeiden, rief ich eines Tages bei Otto an und bat darum, die Sendung nicht mehr bei Herrn Knüllermüller abzugeben, woraufhin Otto einen Zusatz in meine Anschrift aufnahm, die dann folgendermaßen lautete:

Seine Hoheit
Sunlion Sonniglöw‘
Nicht bei Knüllermü
Ganz oben
Wolkenschlößchen 1
12345 Berlin

Das angeknabberte Knüllermü war anscheinend der kastrierten Neunziger-Jahre-Datenverarbeitung geschuldet, aber es funktionierte – die Pakete wurden seitdem immer bei anderen Nachbarn abgegeben, die aber teilweise nicht weniger unangenehm waren.
Gestern nun erhielt ich einen Brief von der Targo-Bank, die mich auf ihre tollen Kreditangebote mit flauschigen 6,99 Prozent effektiven Jahreszins hinwies, während sie selbst das Geld vermutlich für nullkommanix von der EZB geschenkt bekommt. Und was entdecke ich da im Adreßfeld:

Seine Hoheit
Sunlion Sonniglöw‘
Nicht bei Knüllermü
Ganz oben
Wolkenschlößchen 1
12345 Berlin

Und jetzt zählen wir mal alle eins und eins zusammen!
Gauner, verfluchte!

Sonntag

Ich mag Sonntage. Man kann so schön ausschlafen. Draußen ist es ruhig, drinnen auch, die Welt kommt zum Stillstand. Niemand der stört oder nervt. Irgendwann, wenn man es geschafft hat, die Symbiose von Körper und Bett voneinander zu trennen, gibt es ein gemütliches Frühstück, am liebsten mit Ei. Der Geschmack eines frischen Brötchens (aus der Tiefkühltruhe), zusammen mit Butter und Eigelb ist das beste, was einem morgens passieren kann.

Und nach dem Frühstücken … geht man einfach wieder ins Bett.
Gute Nacht!

Ein guter Mensch

Während des zweiten Weltkrieges, als Kind, spielte er mit einem interessant aussehenden, metallischen Gegenstand. Die Explosion der Granate riß ihm die rechte Hand, mehrere Finger der linken Hand und einen Großteil des rechten Beines ab. Trotz seiner schweren Verletzungen rappelte er sich auf, studierte, promovierte und arbeitete als Abteilungsleiter in einem der angesehensten wissenschaftlichen Institute Berlins. Wenn er meine Eltern zu Hause besuchte, brachte er mir immer Geschenke mit, die für mich, der ich nur wenig Taschengeld bekam, unermeßlich teuer schienen und mich staunen ließen. Besuchte ich kleiner Knirps ihn auf Arbeit, nahm er sich stets ein paar Minuten Zeit für mich, unterhielt sich ernsthaft mit mir und behandelte mich wie einen Großen. Nie hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein oder zu stören. Heute erfuhr ich, daß er bereits im Mai dieses Jahres nach langer, geduldig ertragener Krankheit verstorben ist. Zu spät wird mir bewußt, daß ich Dich gern noch einmal wiedergesehen hätte.
K. – ich habe Dich sehr gemocht, und Du verdienst meinen ganzen Respekt. Für Deine menschliche, aufrechte und ehrliche Art.
Ich werde Dich nie vergessen.

Fahrschulprüfungsfrage Nr. 1003:

Sie kommen an eine Kreuzung zweier gleichberechtigter Straßen. Dort staut sich der Verkehr, sowohl Pkw als auch Radfahrer sind daran beteiligt, mehrere Fußgänger stehen unschlüssig auf dem Geweg und wollen die Straße überqueren. Sie haben als einziger Vorfahrt, die Straße in welche Sie einbiegen wollen ist aber durch Fahrzeuge blockiert, die nicht weiterfahren können, da sie Ihnen Vorfahrt gewähren müssen. Wie verhalten Sie sich?
Richtige Antwort: In solchen Situationen bleibe ich grundsätzlich so lange stehen, bis sich das Knäuel entwirrt hat und signalisiere allen anderen, daß sie als Erste fahren können. Ihr glaubt gar nicht, wie leicht es ist, Menschen glücklich zu machen, soviel freundliches Lächeln und Gesten des Dankes bekommt man sonst das ganze Jahr über nicht.

Oldtimer mit neuem Arsch

Stellt Euch mal vor, Ihr erbt einen Schatz! Der steht in Form von verrosteten Autoteilen in Opas altem Schuppen, überall Löcher, die Räder hängen auf halb Acht, die Sitze müffeln zum Davonlaufen, aber es ist nun mal der Klassiker überhaupt, keiner ist schöner, keiner begehrenswerter, genau der muß es sein.
Also nehmt Ihr all Euer Geld, all Euren Mut zusammen und fangt an, ihn zu restaurieren. Ihr lest Bücher, recherchiert im Internet, trefft Leute, die Ahnung davon haben. Und dann geht es los, die Karosserie wird abgeschliffen, geschweißt, gespachtelt, grundiert, lackiert. Nach fehlenden Teilen sucht ihr halb Europa ab, bezahlt horrende Summen für eine Türklinke, findet hier ein Ersatzteil für den Tacho, dort ein Blech, welches aber erst mal beim Galvaniseur neu verchromt werden muß. Der Motor wird komplett zerlegt, gewartet und wieder zusammengesetzt, ein neues Getriebe muß auch noch her. Der Polsterer kümmert sich um die Sitze, neue Füllung, feinstes Leder – ein Traum! Und nach unzähligen Arbeitsstunden und einem Haufen Geld nimmt das Projekt langsam Gestalt an. Der herrliche 300 SL blinkt und blitzt wie ein neuer Penny, bis … nun ja – bis auf den Kofferraum. Der ist leider so verbeult und durchlöchert, daß ein neuer her muß. Aber kein Problem, wir nehmen einfach ein SL-Modell aus der aktuellen Serie, sägen dort den kompletten Kofferraum ab und schweißen ihn an das alte Modell dran. Eine absolut perfekte Lösung … oder? Wohl eher nicht! Kein Mensch käme auf die Idee, ein historisches Fahrzeug so zu verunstalten.
Doch wie sieht es da in anderen Branchen aus? Auch bei der Rekonstruktion eines hunderte Jahre alten Deckengemäldes einer Kirche käme wohl kein Restaurator jemals auf die Idee, neunzig Prozent des kostbaren Werkes originalgetreu wiederherzustellen und die restlichen zehn Prozent mit moderner Micky-Maus-Kunst zu überpinseln, dilettantische Versuche durch Laien mal außen vor gelassen. Auch ein Uhrmacher würde sich wohl eher die Finger abschneiden, als eine wertvolle historische Uhr mit einem modernen Quarzwerk zu verunstalten.
Schon merkwürdig: Bei all den Kostbarkeiten gehen Fachleute klug, behutsam und umsichtig vor, um den Kunstwerken nicht zu schaden. Aber bei Architektur gelten diese Regeln anscheinend nicht. Wie sonst wohl läßt sich die moderne und zum alten Gebäudestil völlig unpassende Kuppel des Reichstags erklären, oder die teilweise verunstaltete, künstlich in defektem Zustand belassene Fassade des wiederaufgebauten Neuen Museums, mit welcher der Architekt an die Kriegsschäden erinnern wollte.
Und nun also das Berliner Stadtschloß: Das allein schon die Wiedererrichtung der Außenfassade beispiellos teuer werden dürfte, ist kaum verwunderlich, die vielen Stuckelemente werden den Aufwand wohl erheblich in die Höhe treiben. Wenn dann also das Geld fehlt, um auch die Innenräume originalgetreu zu rekonstruieren, habe ich dafür absolut Verständnis – lieber das von außen echt aussehende Stadtschloß als perfekten Abschluß des architektonischen Gesamtwerkes der Straße Unter den Linden, anstatt den häßlichen Palast der Republik. Und bevor hier jemand ’nen Herzkasper kriegt – auch ich habe als Kind staunend auf den riesigen roten Ledercouches gesessen, die vielen Gemälde bewundert, die unterschiedlich farbigen Etagen zu entschlüsseln versucht, Bowling gespielt, in der Disko unerreichbar wirkende Mädchen angebetet und im großen Saal mit seinen beweglichen Zuschauertribünen Tränen gelacht bei „Spaß muß sein“ mit Eberhard Esche als Conférencier. Trotzdem weine ich dem eckigen, braunen Klotz keine Träne nach.
Aber was bitte hat sich der Architekt dabei gedacht, dem Schloß an der Spreeseite einen modernen Abschluß zu verpassen? Ist das so eine Art Rache, weil er im Grunde genommen doch nur das Gebäude eines anderen Architekten wiederaufbauen darf? Oder vielleicht die Angst eines jeden Egomanen, daß die Geschichtsbücher seinen Namen verschweigen werden, so wie ich das hier gerade tue? Oder sind es einfach nur ganz normale, handelsübliche Dummheit und Geschmacklosigkeit, wie man sie an jeder Ecke findet?
Derzeit hat sich der Architekt Stephan Braunfels noch einmal mit seinem Entwurf eines nach Osten hin offenen Areals zu Wort gemeldet. Auch dieser ist nichts anderes als ein 300er SL ohne Kofferraum. Aber besser so, als der moderne Schwachsinn des Siegerentwurfs, bei dem sich zukünftige Generationen mal wieder kopfschüttelnd fragen werden, was die Ahnen damals wohl für Kraut geraucht haben. Und vor allem, wieso der Denkmalschutz mal wieder versagt hat.

Kleines Rätsel zum Abend

Es ist graumeliert, groß genug, um ein Elefantenbaby darin unterzubringen, hat vier Löcher – oben, unten, rechts und links, und auf der Vorderseite sind fünf Köpfe abgebildet, einer davon hat zwei Hörner. Außerdem noch jede Menge Buchstaben. Und – Achtung, jetzt kommt’s – es hängt in meinem Bad!
Ich wette, es gibt auf dieser Welt nur eine Person, die weiß, um was es sich handelt! Könnte ich mit Worten fies grinsen, würde ich es jetzt tun!

Und es gibt sie doch!

Da rollte ich doch eben auf den Hof meines Fitneßstudios (allein schon dieses Wort ist Grund genug, nicht die neue Deutsche Rechtschreibung zu nutzen), sah einen der Handwerker, die dort ebenfalls ihre Werkstatt haben und das Drama hautnah miterlebten, grüßte höflich durch die Scheibe, rollte zu einem der freien Parkplätze und sah den Handwerker mir langsam hinterherschlendern. Während ich noch überlegte, ob ich etwas falsch gemacht und vielleicht unwissend auf seinem Platz geparkt hatte, sagte er fröhlich „Hallo!“ und bestellte mir freundliche Grüße von seinem Chef. Außerdem gab er bekannt, daß ich gern, wenn der Hof mal zugeparkt sein sollte, von ihrem reservierten Carport die Kette entfernen und ihn als Parkplatz benutzen dürfe, damit meinem Golfilinchen nichts zustößt. Ist das nicht toll?
Es gibt sie also noch, die Netten!

Auf verlorenem Posten

Meine Lieblingsfriseurin Antje hat mir gerade die Haare frisch orangiert und erzählt, daß in der Nähe ein neuer „Edelfriseur“ aufgemacht habe, mit Preisen ab 35 Euro für Löwen und 45 Euro für Löwinnen. Also konnte ich meine Neugier natürlich nicht bändigen und ging auf dem Rückweg mal dran vorbei.
Ein mittelgroßes Geschäft mit anständiger aber unspektakulärer Ausstattung. Am Empfangstresen stand eine dickliche, mit geblümter Kittelschürze bekleidete Frau mittleren Alters und stützte sich gelangweilt auf die Ellenbogen. Die zweite Mitarbeiterin, vermutlich die Mutter der anderen, saß direkt neben dem Schaufenster auf einem der Frisierstühle und tat so, als sei sie eine Kundin, um Geschäftigkeit vorzutäuschen. Beide hatten Frisuren aus den Siebzigern, aber nicht die coolen, hippen, sondern eher wie Tante Uschi von nebenan. Schlecht frisiert, schlecht gefärbt in dem Farbton „Bröckel-Ruinen-Rot“ und außerdem kein Licht eingeschaltet – der Laden machte einen ungemütlichen, abweisenden Eindruck. Und an der Fensterscheibe hing die Preisliste, ein edles, handgefertigtes Stück Typografiekunst höchsten Niveaus auf feinstem, büttengeschöpftem Papyruspergament, umrahmt von einem extraordinären Meisterstück des Bilderrahmenhandwerks in Ultra-Mahagoni. Quatsch, da hing einfach nur ein Zettel, lieblos erstellt mit Word und ausgedruckt mit dem Tintenstrahldrucker, befestigt mit Klebeband.
Also ehrlich – von einem Edelfriseur würde ich wohl eher etwas Anderes erwarten. Zum Beispiel fesche Trendsetter, coole Szenetypen und Hair-Art-Explorer (den Begriff habe ich gerade erfunden). Aber mit den beiden wird das wohl nichts, da die ganze Gegend mittlerweile verseucht ist von guten Friseuren, die alle viel günstiger sind.
Vielleicht liegt auf dem Geschäft ja einfach nur ein böses Omen: Vorher beherbergten die vier Wände einen Kunstgewerbeladen. Auch sowas, was keiner braucht …