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Und es gibt sie doch!

Da rollte ich doch eben auf den Hof meines Fitneßstudios (allein schon dieses Wort ist Grund genug, nicht die neue Deutsche Rechtschreibung zu nutzen), sah einen der Handwerker, die dort ebenfalls ihre Werkstatt haben und das Drama hautnah miterlebten, grüßte höflich durch die Scheibe, rollte zu einem der freien Parkplätze und sah den Handwerker mir langsam hinterherschlendern. Während ich noch überlegte, ob ich etwas falsch gemacht und vielleicht unwissend auf seinem Platz geparkt hatte, sagte er fröhlich „Hallo!“ und bestellte mir freundliche Grüße von seinem Chef. Außerdem gab er bekannt, daß ich gern, wenn der Hof mal zugeparkt sein sollte, von ihrem reservierten Carport die Kette entfernen und ihn als Parkplatz benutzen dürfe, damit meinem Golfilinchen nichts zustößt. Ist das nicht toll?
Es gibt sie also noch, die Netten!

Auf verlorenem Posten

Meine Lieblingsfriseurin Antje hat mir gerade die Haare frisch orangiert und erzählt, daß in der Nähe ein neuer „Edelfriseur“ aufgemacht habe, mit Preisen ab 35 Euro für Löwen und 45 Euro für Löwinnen. Also konnte ich meine Neugier natürlich nicht bändigen und ging auf dem Rückweg mal dran vorbei.
Ein mittelgroßes Geschäft mit anständiger aber unspektakulärer Ausstattung. Am Empfangstresen stand eine dickliche, mit geblümter Kittelschürze bekleidete Frau mittleren Alters und stützte sich gelangweilt auf die Ellenbogen. Die zweite Mitarbeiterin, vermutlich die Mutter der anderen, saß direkt neben dem Schaufenster auf einem der Frisierstühle und tat so, als sei sie eine Kundin, um Geschäftigkeit vorzutäuschen. Beide hatten Frisuren aus den Siebzigern, aber nicht die coolen, hippen, sondern eher wie Tante Uschi von nebenan. Schlecht frisiert, schlecht gefärbt in dem Farbton „Bröckel-Ruinen-Rot“ und außerdem kein Licht eingeschaltet – der Laden machte einen ungemütlichen, abweisenden Eindruck. Und an der Fensterscheibe hing die Preisliste, ein edles, handgefertigtes Stück Typografiekunst höchsten Niveaus auf feinstem, büttengeschöpftem Papyruspergament, umrahmt von einem extraordinären Meisterstück des Bilderrahmenhandwerks in Ultra-Mahagoni. Quatsch, da hing einfach nur ein Zettel, lieblos erstellt mit Word und ausgedruckt mit dem Tintenstrahldrucker, befestigt mit Klebeband.
Also ehrlich – von einem Edelfriseur würde ich wohl eher etwas Anderes erwarten. Zum Beispiel fesche Trendsetter, coole Szenetypen und Hair-Art-Explorer (den Begriff habe ich gerade erfunden). Aber mit den beiden wird das wohl nichts, da die ganze Gegend mittlerweile verseucht ist von guten Friseuren, die alle viel günstiger sind.
Vielleicht liegt auf dem Geschäft ja einfach nur ein böses Omen: Vorher beherbergten die vier Wände einen Kunstgewerbeladen. Auch sowas, was keiner braucht …

Grüße aus den Achtzigern

Mein kleiner, bunter Lieblingsstoffhase mit den lustigen Knopfaugen, K. aus L., hat mir überraschend ein Päckchen geschickt, mit einem sogenannten analogen Tonträger, auch bekannt unter dem Namen „Schallplatte“.
Liebe Kinder, die natürliche Lässigkeit, mit der Ihr heute bereits im zarten Alter von vier Jahren sündhaft teure Handys und MP3-Player mit Euch herumtragt, ist noch nicht sehr lange so selbstverständlich wie es vielleicht aussehen mag, sondern das Ergebnis eines langen, harten (Schul-) Klassenkampfes in den Straßen und auf den Barrikaden gegen den schlechten Klang und für bessere Wiedergabebedingungen, angeführt auch durch eure Eltern und Großeltern. Ist Euch eigentlich klar, wie viele Vinylbäume vor dreißig Jahren für eine einzige Schallplatte abgeholzt wurden? Und wie viele unschuldige Teddybären für solch eine gefütterte Jeansjacke sterben mußten?
Eines dieser ethisch und moralisch fragwürdigen Tonprodukte steckte also in dem Päckchen, angefüllt mit der schönsten Popmusik, die ein Plattenspieler jemals aus der Rille kratzen durfte. Die Band Propaganda hatte in den Achtzigern erstaunlicherweise nur ein einziges Album produziert (die Remixe nicht mitgezählt) und erzielte damit einen weltweiten Erfolg. Stücke wie P:Machinery und Dr. Mabuse waren gigantische Hits und wurden in jeder Disko rauf- und runtergespielt. Und heute kann ich diesem kleinen Weltwunder noch einmal beim Drehen zuschauen. Vielen Dank lieber Stoffhase, für diese schöne Überraschung!
Vielleicht sollte ich auch mal wieder über den Flohmarkt schlendern und in Plattenkisten wühlen, ein weiteres Weltwunder fehlt mir nämlich noch, auch wenn ich es in digitaler Mega-Ultra-Qualität bereits auf meinem Computer habe.

Offline

My internet is over the ocean. Eine Großstörung, meint der freundliche Herr von der Störungsstelle. In meiner Kindheit bedeutete der Unterschied zwischen klein und groß nicht weniger, als ans Bein gepinkelt oder Hose voll, wobei keines von beidem weniger unerfreulich ist. Oder mit anderen Worten: Ich bin mal wieder mächtig angearscht. 

Nun sitze ich hier also an diesem trüben Sonntagvormittag und habe kein Internet, außer dem dünnen „Schläuchle“ übers Handy. Was mache ich denn nun am besten? Ein Leben ohne Internet? Das geht einfach nicht! Bin ich vielleicht süchtig? Vielleicht sollte ich mal nach ersten Anzeichen googlen? Oder der Suchthilfe ein paar Fragen per E-Mail stellen?
Ach nee, geht ja nicht! Ich hab ja kein Internet. 

Parken auf dem Balkon

Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht: Findige Architekten bauen neuerdings Häuser mit Fahrstühlen, die groß genug sind, um das eigene Auto in die bewohnte Etage zu hieven, wo man es dann direkt auf dem Balkon abstellen kann. So hat man es immer in Sichtweite und kann ihm beim Rosten zusehen.
Wäre ich reich, ich würde sofort das oberste Stockwerk mieten! Also los – spendet Leute, spendet! Oder wollt Ihr wirklich die Verantwortung dafür übernehmen, daß mein Golfilinchen auf einem schnöden, öffentlichen Parkplatz vor sich hingammelt?

Fit wie ein Germina-Turnschuh

Ein Taschenrechner ist heutzutage nichts Besonderes. Jeder hat sowas in seinem Handy. Und im Ein-Euro-Laden gibt es die Minicomputer für 99 Cents zu kaufen. Made in China. Aber als ich noch zur Schule ging, das war kurz nach dem Aussterben der Saurier, war ein Taschenrechner ein heißbegehrtes, elektronisches Wunderwerk, für das man sich alle zehn Finger abgeschnitten hätte, denn die benötigte man ja dann ohnehin nicht mehr zum Zählen, und die Tasten des Rechners kann man auch mit der Nasenspitze tippen.
Ich selbst habe noch in der Schule die Bedienung eines Rechenstabes erlernt, und wenn man nicht unbedingt drei Nachkommastellen benötigte, waren die Dinger auch erstaunlich genau. Aber sie waren so furchtbar uncool! Taschenrechner waren da irgendwie anders, sie hatten damals noch leuchtende LED-Anzeigen und knackende Tasten, Annett – die hübsche Tochter einer Arbeitskollegin meiner Mutter – hatte so ein Teil, mit einem externen Netzteil, um nicht ständig die teuren 9-Volt-Batterien kaufen zu müssen. Allein schon dafür hätte ich sie geheiratet!
Und irgendwann, als es fast schon zu spät war, weil meine Schulzeit sich dem Ende neigte, bekam auch ich einen Taschenrechner, hergestellt in Fernen Osten, allerdings nicht in China, die rechneten damals noch mit Abakussen.
Gestern nun habe ich bei einem Bekannten eine echte Rarität entdeckt, den ersten offiziellen Schultaschenrechner der DDR, der damals subventioniert und gegen behördliche Genehmigung zum Preis von etwa 120 Ostmark an die lernende Bevölkerung verkauft wurde. An sich nichts Weltbewegendes, außer vielleicht, daß bei diesem Gerät noch nie die Batterie gewechselt wurde und er nach über 25 Jahren noch immer funktioniert. Wenn man den tollen Geheimtrick, der sich dahinter verbirgt, damals doch nur für die Erhaltung der sozialistischen Gesellschaft entdeckt hätte – so manche unangenehme Erfahrung wäre uns heute vielleicht erspart geblieben.
Und manch positive sicher auch.