Menü Schließen

Der Tisch-Trip, Teil 2

Am nächsten Tag ging’s weiter Richtung Süden. Die Strecke Dingenskirchen – Prag – Wien ist hübsch gleichmäßig portioniert, wie bereits beschrieben. Unterwegs entdeckt man auch mal Sehenswürdigkeiten der besonderen Art, wie diese Kirche auf einer winzigen Insel, in der Mitte des Flusses Thaya.

Wir haben ja in Berlin auch unsere Prachtstraße „Unter den Linden“. Aber mit der Pracht Wiens kann die keinesfalls mithalten. Die Anzahl, Größe, Tiefe und Qualität der historischen Gebäude Wiens ist atemberaubend. Wenn ich was zu bemängeln hätte, dann dass die Stadt sich nicht so viel mit Details beschäftigt. Während die Gehwege in Prag historisch genau gepflastert sind, begnügen sich die Wiener mit schnödem Asphalt. Ich finde, dies entwertet das Gesamt-Ensemble ein wenig. Aber wer starrt schon auf seine Füße, wenn er solche Prachtbauten bestaunen kann?

Nachfolgendes Bild zeigt übrigens das Albertinum, welches ich in meinem Debütroman „Erdenend – Das Ende der Welt“ erwähnte:

In einem Café gegenüber unterhält sich der Romanheld Werner mit einem Österreicher über den Zustand der Gesellschaft. Demnach muss es sich bei einem der nachfolgend abgebildeten gastronomischen Einrichtungen um besagtes Café handeln. Wer weiß? Vielleicht sitzt Werner ja gerade drin und philosophiert mal wieder mit dem einen oder anderen Gast?

Die Rücktour nach Dingenskirchen mutierte dann noch unerwartet zum Horrortrip. Aus den ursprünglich vom Navi veranschlagten fünfeinhalb Stunden wurden ganze elf! Dreieinhalb Stunden hing ich in einem Stau fest, dessen Ursache ein umgekippter Lkw war. Der nächste Unfall fand auf der Gegenrichtung statt, ein plattgedrückter Pkw. Kurz dahinter ein weiterer umgekippter Laster. Hinter der tschechischen Grenze setzte schwerer Regen ein und blieb mir bis zum Einparken in der heimischen Garage treu. Die schlechte Sicht, kurz vor der letzten Autobahnabfahrt, war auch der Grund, dass ich fast selbst noch zum Unfallopfer geworden wäre. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein schwarzer Renault ohne Scheinwerfer und Warnblinklicht mitten auf der Fahrbahn, nach Qualm stinkend, die Front in die falsche Richtung gedreht. Wenige Meter daneben lag ein Vorderrad mit Teilen der Lenkstange. Die überall umherliegenden Kunststoffteile schabten genüsslich an meinen Wagenboden, während ich versuchte, keines der größeren zu treffen. Schlimmes passiert ist dem Fahrer wohl nichts, er stand mit anderen Personen und deren Autos an der Seite. Ich kann mich also kaum beschweren, die Verunfallten hatten an diesem Tag eindeutig das schlechtere Los gezogen.
     Und? Hat sich die Tour nun gelohnt? Nur wegen eines Tisches? Aber ja! Wo kämen wir hin, wenn wir unseren Träumen nicht um die halbe Welt nachjagen dürften?

Der Tisch-Trip, Teil 1

Eigentlich ging es nur um einen Tisch. Aus Mahagoni, passend zur Wohnzimmereinrichtung, auch in diesem wunderbaren dunkelroten Farbton. Unbedacht hatte ich vor 30 Jahren meine ersten West-Lautsprecher in Mahagoni bestellt, ohne zu realisieren, dass dann auch die restliche Einrichtung dazu passen muss, denn zu Mahagoni passt nun mal nur Mahagoni.
     In meiner neuen Wohnung fehlte noch ein Couchtisch zur Komplettierung, nur leider gibt es inzwischen kaum noch Mahagoni-Möbel, und wenn doch, dann meist nur in dem verschnörkelten, ornamentierten Kolonial-Stil, der nicht zu meinen eher rational-kantigen Möbeln passt. Zufällig entdeckte ich bei der Internetsuche einen passenden, unverschnörkelten Tisch, unpassenderweise jedoch gaaanz weeeit weeeg. Nämlich in Wien. Acht Autostunden entfernt. Nur für Selbstabholer. Wollte ich mir das wirklich antun?
     Dann fiel jedoch eine geplante Görlitz-Reise zur sächsischen Verwandschaft ins Regenwasser, garniert mit allerlei Unpässlichkeiten bei diversen Beteiligten, sodass plötzlich ein verlängertes freies Wochenende nach Action schrie. Warum die Gelegenheit nicht nutzen und eine Tisch-Trip unternehmen, in erträglich kleine Streckenhäppchen portioniert? Auf der Strecke nach Wien liegt nämlich Prag, und beide Städte hatte ich noch nie besucht, aber schon immer auf meinem Wunschzettel.
     Also schnell beim Wiener ’nen Tisch bestellt, damit er bei Ankunft nicht schon zu Feuerholz verarbeitet wurde, dazu noch zwei Hotelzimmer und schon konnte es losgehen.
     Prag ist nur vier Autostunden von Dingenskirchen entfernt, eine Strecke, die man problemlos meistern kann, vorausgesetzt, das Schicksal vermasselt einem nicht wieder die Tour, zum Beispiel mit Staus von biblischen Ausmaßen wie in meinem Fall. Dennoch kommt man irgendwann an, und statt hier groß rumzulabern, zeige ich einfach ein paar Fotos.
     Nur so viel sei verraten: Prag und Wien sind ausgesprochen sehenswerte Orte mit herzlichen Menschen, die wissen, wie man lebt, und die in den vielen Parks auf Bänken oder in Restaurant und Cafés ihr Dasein genießen.

Sunlions Manifest

Während im letzten Jahr, dem Jahr meines Umzugs, weg von Berlin und hin nach Dingenskirchen, die einzige S-Bahnlinie, die beide verbindet, einen noch einigermaßen brauchbaren Eindruck vermittelte, hat sich dieser Zustand inzwischen in eine beklagenswerte Katastrophe verwandelt. Fast jeden Tag beherrscht das Chaos die 25 Kilometer lange Strecke, und nicht nur diese – alle anderen auch. Polizeieinsätze, Personen im Gleis, defekte Weichen, reparatur­bedürftige Stellwerke, jedesmal ist irgend was anderes entgleist und verwandelt Fahrgäste in Kollateral­geschädigte. Immerhin erstaunlich, dass man meistens trotzdem noch irgendwie ans Ziel kommt, außer im letzten Winter, als urplötzlich und vollkommen unterwartet merkwürdiges weißes Zeug vom Himmel fiel und die Bahn so schwer beeinträchtigte, dass der Zugverkehr nach Dingenskirchen ausgesetzt werden musste, freilich ohne jeglichen Hinweis darauf, wann er denn wieder aufgenommen wird. Glücklicherweise konnte ich Chefchen telefonisch aus dem Büro nötigen, woraufhin er mich unterwegs einlud und nach Hause brachte. Wir wohnen nämlich dicht beieinander, ich in Dingenskirchen und er in Hinterunterkleinsttrödelingen.
     Heute nun hat es mir aber gereicht! Problematische Hinfahrt am Morgen, problematische Rückfahrt am Abend – so kann das nicht weitergehen. Daher habe ich mich während des Wartens auf dem Bahnsteig entschlossen, die Sache politisch anzugehen und ein Manifest verfasst:

Sunlions Manifest für die endgültige Lösung aller Berliner Probleme

Untertitel: Ein Manifest für den letzten Ausweg, genehmigt vom Amt für Symbolische Kapitulation:

1. Vorwort
Berlin war mal eine Stadt. Heute ist es ein Wartesaal mit gläsernen Fassaden. Menschen stehen, starren, schweigen – und warten: Auf Termine. Auf Züge. Auf Antworten. Auf bessere Zeiten.
     Doch diese kommen nicht. Im Gegenteil. Das Warten dauert länger und länger, Tag für Tag, Woche für Woche.
     Wir haben demonstriert. Wir haben Petitionen unterschrieben. Wir haben auf Bürgerämtern gewartet. Wir haben in Sitzungen gesessen, die länger dauerten als die Bauzeit des BER.
     Aber Berlin hört nicht mehr. Berlin ist taub von all dem Lärm der Ankündigungen. Und blind vor all den Leuchtturmprojekten, die nie leuchten. Die Verwaltung: ein Escape-Room ohne Ausgang. Der Öffentliche Nahverkehr: ein Glücksspiel mit schlechter Stimmung. Die Politik: ein Gespräch, bei dem alle weghören – sie selbst eingeschlossen. Die Menschen: müde.
     Die Stadt ist kaputtgeliebt, zerredet und zerwaltet.

2. Problem
Wir haben’s versucht: Mit „Verkehrswende“ – und bekamen kaputte Rolltreppen. Mit „digitaler Verwaltung“ – und druckten Termine aus PDFs aus oder verschickten Bescheide mit Faxgeräten. Mit „mehr Wohnraum“ – und bauten Eigentumswohnungen mit Tiefgarage. Mit „Kulturförderung“ – und schlossen Clubs wegen Brandschutz oder nachbarschaftlicher Beschwerden.

3. Die Lösung
Zuschütten! Schluss mit Pflastern! Wir brauchen Beton! Meterweise! 20 Meter hohe ehrliche Schwere, konsequent flächendeckend über ganz Berlin verteilt.
     Vorteile: Keine Verspätungen mehr. Es gibt nichts mehr, was zu spät sein kann. Keine Bürokratie mehr. Alles ist unter Beton begraben. Keine Armut, keine Gentrifizierung, keine Wärmestuben, keine Schlaglöcher. Nur noch Ruhe. Und ausreichend Parkplätze.

4. Umwelt und Soziales
Wir pflanzen Bäume auf das Betonplateau, alle zehn Meter einen, als Symbol für Hoffnung. Dazwischen passen im Schnitt drei Autos, mit ausreichend Abstand als Schutz vor Blechschäden.
     Hier und da noch eine Parkbank. Für Selfies auf Instagram.

5. Schlusswort
Dies ist kein Vorschlag. Auch keine Ansage. Es ist eine Absage. Eine Kapitulation mit Stil. Denn wenn eine Stadt sich selbst nicht retten will – dann soll sie wenigstens ordentlich begraben werden. Mit Parkschein und QR-Code. Und einem Denkmal: „Hier wurde nichts mehr versucht.“
     Deshalb fordern wir: Keine Vision mehr, nur noch Aktion. Zuschütten statt verschönern. Beenden statt beklagen. Erdrücken, was uns erdrückt.
     Betonmischer aller Länder vereinigt Euch!

Blick in die falsche Richtung

Wie rührend und mit welch erstaunlicher Hingabe sich Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Politikerin und Mitglied des Deutschen Bundestages, um den mutmaßlichen Gewalttäter Simeon T. kümmert, der sich auf wundersame, wissenschaftlich derzeit nicht restlos erklärbare Weise plötzlich in eine Frau verwandelt haben soll und nun Maja T. heißt – Maja wie das neckisch-freche Brummelbienchen, das einfach jeder liebhaben muss – rührt mich zu Tränen. Der wegen Untersuchunghaft in einem ungarischen Gefängnis einsitzende T. könnte als mutmaßliches Mitglied der Hammerbande möglicherweise eventuell vielleicht an mehreren Überfällen in Budapest beteiligt gewesen sein.
     Ob Göring-Eckhardt als umweltbewusste Grüne mit dem Flugzeug reiste oder ein ökologisch korrektes Segelboot nutzte und die Donau hinaufschipperte, ist nicht bekannt. Unbekannt ist auch, ob sie in Ungarn mit Opfern der Hammerbande zusammentraf und sich nach deren gesundheitlichem und seelischen Befinden erkundigte.

Justiz am Ende

Eine 41-jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn getötet. Fünf weitere Verletzte, verursacht durch einen Raser, der sich nicht an die Regeln halten wollte. Heute wurde er … nennen wir es mal – „verurteilt“. Zu zwei Jahren. Auf Bewährung. Mehr nicht. Im Grunde kann er nach Hause gehen und die Bewährung gemütlich auf der Couch vor dem Fernseher absitzen. Mit anderen Worten – er ist davongekommen.
     Die belgische Familie hingegen nicht. Der Vater muss nun mit dem Verlust seiner Frau und seines Sohnes leben. Lebenslänglich. Da fragt man sich schon, wer hier eigentlich zu was verurteilt wurde.
     Bei solch einer Justiz muss man sich nicht mehr wundern, dass sich niemand mehr an Regeln hält. Wenn in den Nachrichten immer häufiger auftaucht, dass Unfallverursacher keinen Führerschein hatten (wozu auch, wenn nicht mehr kontrolliert wird) und Fußgänger beim Überqueren von Zebrastreifen nicht mehr ihres Lebens sicher sind, weil Fahrzeuge und Radfahrer nicht mehr anhalten wollen (wer’s nicht glaubt, teste mal den Fußgängerüberweg an der Berliner Brückenstraße/Rungestraße).
     Jeder kann machen was er will, und wenn’s schiefgeht, was soll’s? Passiert ja eh nix.

Selbstverliebt

Bodo Ramelow droht mit Parteiaustritt. Und sofort entstehen vor meinem inneren Auge Bilder von Horden verzweifelter Menschen, die sich im Staub wälzen und verzweifelt schreien: „Oh nein! Bitte, bitte tu’s nicht!“ oder „Verlass uns nicht, Bodo, wir lieben dich doch so sehr!“
     Also echt, für wen hält der sich? Und so rufe ich generös dem Volke zu: Lasset ihn gehen!

Tierisch

Gestern Abend lud mich mein Vermieter zum Grillen ein. Steak vom Elektrogrill. Ich täuschte Migräne vor und versteckte mich im Swimmingpool. Heute früh verkündeter er in siegreicher Ruhmespose, mein Steak hätte die Katze gefressen.
     Katzen fressen Schweine. Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt!