Soeben flatterte eine E-Mail vom Baum hinterm Haus bei mir rein:
Betreff: Ernte-Anfrage
Sehr geehrter Gärtner Sonniglöw,
wir hoffen, Sie sind wohlauf und genießen diesen herrlich sonnigen Sommertag in bester Laune. Hiermit möchten wir, die Äpfel vom Baum hinterm Haus, Sie höflichst darüber informieren, dass wir nach eingehender Beratung und gereifter Überlegung der Ansicht sind, der perfekte Moment zur Ernte ist nun gekommen. Wir sind voll und ganz in unserem Element und in idealer Form, um unsere Bestimmung zu erfüllen: in Ihre Hände überzugehen und entsprechend diverser Rezepte aus aller Welt zu exklusivsten kulinarischen Genüssen weiterverarbeitet zu werden. Zum Beispiel zu Apfelmus. Wir wissen, dass Sie uns stets mit höchster Aufmerksamkeit gepflegt haben, das hat uns zu den perfekten Äpfeln gemacht, die wir heute sind. Stets schätzten wir die liebevolle Zuwendung, die Sie uns zuteilwerden ließen – von den sanften Sonnenstrahlen bis hin zum erfrischenden Regen. Aber nun wird es Zeit, dass wir unseren Platz an Ihrer Seite einnehmen und der Ehre Ihrer hochgeschätzten Zubereitung teilhaftig werden. Wir möchten betonen, wie sehr wir uns über die anstehende Ernte freuen und Ihnen zugleich versichern, unser Bestes zu geben, um Ihre Erwartungen in Geschmack, Textur und Ästhetik zu übertreffen!
Mit freundlichen Grüßen im Namen aller Äpfel vom Baum hinterm Haus,
Hasenfusion als unterschätzter Sonderfall Kernfusion gilt als Heiliger Gral der Energiegewinnung. Doch trotz Jahrzehnten der Forschung bleiben Tokamaks, Stellaratoren und Laserfusionsanlagen unvollkommen. Aber was, wenn die Lösung bereits im Gras sitzt und Karotten mümmelt?
Im Rahmen des geheimen EU-Förderprogramms B.U.N.N.Y. wurde untersucht, ob durch gezielten photonenmodulierten Antimateriebeschuss biologischer Resonanzkörper eine alternative Fusionsform erzeugt werden kann. Versuchsobjekt hierfür war der europäische Wildhase (Lepus europaeus), bekannt für seine hohe Reproduktionsrate und sein überdurchschnittlich resonantes Fell.
Schritt 1: Hasenkörper als Quantenresonator Neuere Arbeiten aus der pelzquantenphysikalischen Fakultät der Universität Bielefeld legen nahe, dass Hasenohren – aufgrund ihrer Form und Blutversorgung – als biologische Wellenleiter für niederenergetische Subphotonenstrahlung fungieren können. Diese Strahlung, auch Lapinwellen genannt, kann in speziell vorbereiteten Hasen eine kohärente Vakuumpolarisierung induzieren. Dadurch wird im Inneren des Hasen ein temporäres Quantenfluktuationsfeld erzeugt, das unter Laborbedingungen als „pelzstabilisierte Minisingularität“ klassifiziert wurde.
Schritt 2: Einbettung Schwarzer Nano-Löcher in den Verdauungstrakt Durch gezielte Fütterung mit kernhaltigem Obst – insbesondere renitente Boskopmutationen mit leichtem Berylliumüberschuss – kann die intestinale Temperatur des Hasen lokal auf etwa 10⁸ Kelvin erhöht werden. Dies ermöglicht das Entstehen sogenannter Gravitonenschwärme, die bei hoher Karotindichte im Verdauungstrakt Mikrosingularitäten erzeugen können. Diese Schwarzen Nano-Löcher vom Typ Vollorganische Hawking-Kondensate haben eine Halbwertszeit von 4,2 Nanosekunden und dienen als temporärer Druckgenerator zur Initialisierung von Deuteriumtrennung im Fellstaub des Hasen. Hasen produzieren etwa 27 mg Fellstaub pro Tag – das entspricht bei optimaler Ionenaktivierung etwa 2,4 petaFlausch (pF) nutzbarer Energieeinheiten.
Schritt 3: Antimaterie durch neuronale Hasenresonanz Hasen verfügen über eine wenig erforschte Hirnstruktur, den Corpus Fluffosum, der im REM-Schlaf entgegengesetzt phasende Neutrinowellen abstrahlen kann. Wird dieser Zustand mit gerichtetem Mikrolaserbeschuss auf das linke Ohr kombiniert, lassen sich in 7 von 10 Fällen lokalisierte Positronenemissionen messen. Diese Positronen können in Echtzeit mit von außen zugeführtem Antikarottin, eine aus Spiegelmolekülen gewonnene Substanz aus invers fermentierten Karotten reagieren und dabei eine kontrollierte Annihilations-Fusion in Gang setzen.
Schritt 4: Neutronenumwandlung über Langohr-Spin-Kopplung Die Rotation eines Hasen während eines Sprungs erzeugt ein kurzzeitiges Langohr-Torsionsfeld, das im Zusammenwirken mit dem Erdmagnetfeld eine asymmetrische Neutron-Spindehesion des Typs H-Spin/Anti-Wobble-Modus bewirkt. Diese Instabilität kann genutzt werden, um gewöhnliche Neutronen innerhalb des Hasens in geladene Pseudo-Bosonen umzuwandeln – ein Zustand, der bisher nur bei Eichhörnchen unter dem Einfluss von Starkstrom beobachtet wurde.
Interdisziplinäre Betrachtungen
Biologisch Der Hase übersteht die Prozeduren bei einer Ausfallrate von nur 68%, was laut der Internationalen Bioenergetischen Kommission im Rahmen experimenteller Verfahren akzeptabel ist. Es wurde beobachtet, dass überlebende Hasen leicht fluoreszieren und gelegentlich rückwärts hüpfen.
Physikalisch Die freigesetzte Energie pro Bunny-Burst liegt bei etwa 3,6 Gigajoule – vergleichbar mit einem Liter Helium-3, jedoch mit höherem Niedlichkeitskoeffizienten. Problematisch bleibt die Kühlung – Hasen neigen bei Überhitzung zum sogenannten Puff-Effekt, einer gelegentlichen Spontandekomposition mit Karottenduft.
Ethisch Hier bewegt man sich auf dünnem Eis. Die Umwandlung lebender Hasen in temporäre Singularitäten könnte als semi-metamorpher Bio-Fusionismus eingeordnet werden – ein Begriff, der rechtlich noch nicht vollständig geklärt ist.
Soziologisch Es ist zu erwarten, dass Kinder neue Heldenfiguren wie Reaktor-Hasi oder Professor Plüsch verehren werden. Gleichzeitig wächst die Sorge um das Pelzproletariat, das zur Energiegewinnung eingesetzt wird.
Juristisch Die Gesetzeslage hinkt wie immer hinterher. In 18 von 27 EU-Staaten ist die energetische Nutzung von Säugetieren bislang nicht reguliert. In Österreich wurde jedoch bereits eine Hasenschutz-Initiative gestartet: „Kein Watt vom Has’!“
Religiös Die Kirche des letzten Lichtes hat den heiligen Strahl der Fluffionen bereits als Offenbarung gewertet. Andere Gruppen, etwa die Karottianer, lehnen die Hasenfusion als Blasphemie gegen das natürliche Möhrengleichgewicht ab.
Ist der Fusionshase unsere Zukunft? Obwohl viele offene Fragen bleiben, ist klar: Die bio-quantenbasierte Antikarottin-Annihilationsfusion könnte eine Alternative zu tristen Magnetplasmen darstellen. Solange die Hasen artgerecht gehalten, sanft bestrahlt und mit kernhaltigem Obst versorgt werden, spricht nichts dagegen, sie für den Friedensreaktor der Zukunft zu rekrutieren.
Deutschland ist in der Krise, auch was Energie angeht. Atomstrom ist zu Fünfziger und wurde abgeschafft, Wind und Sonne lassen die visionären Pläne der deutschen Einheitsparteien manchmal im Stich, eine Wortneuschöpfung macht die Runde: Dunkelflaute. Stattdessen werden Müll und Wertstoffe aus der Gelben Tonne, die sich nicht recyceln lassen, CO2-erzeugend verbrannt und in elektrische Energie umgewandelt.
Dies nahm ich zum Anlass, um nach Alternativen zu den Alternativen Energien zu suchen und wurde fündig: Niedliche flauschige Kuschelhasen. Doch sie zu verstromen wirft einen Haufen Fragen auf, die nachfolgend betrachtet werden sollen.
Wären Hasen eine gute Energiequelle? Die zunächst favorisierte Hasen-im-Laufrad-Methode wären energetisch ein Minusgeschäft – nach dem Energieerhaltungssatz müssten sie über ihr Futter zunächst genau die Energie aufnehmen, die sie dann mühsam im Laufrad abstrampeln, nur um einen Bruchteil davon als Dynamo-Strom zu erzeugen. Da ist die direkte thermische Verwertung schlicht effizienter. – Physikalisch: 1 Hase = ca. 100–150 kcal/Tag. Viel zu wenig. – Ethisch: Nutzung von Tieren zur Energiegewinnung ist moralisch fragwürdig. – Technisch: moderne Energieträger sind viel effizienter (Solar, Wind, Müll)
Was, wenn die Hasen vorher ordentlich gemästet würden und sich freiwillig zur Verfügung stellten? Szenario: „Projekt Hoppelstrom“: Freiwillige Masthasen werden gefüttert, gepflegt und am Ende ihres Lebens „thermisch verwertet“. Natürlich mit Pfotenabdruck auf der Einverständniserklärung. Die Vorteile: – Optimale Ressourcennutzung. – Nachhaltigkeit durch Reproduzierbarkeit: Hasen rammeln wie die Karnickel. – Kuschelhasen als Energieträger mit Soziallizenz.
Die (realen) Probleme: – Unethisch – selbst bei „freiwilliger“ Teilnahme. – Geringer Heizwert – selbst ein fetter Hase ist keine gute Energiequelle, da er noch zu viel Wasser enthält. – Klimabelastung durch Tierhaltung überwiegt jeden Energiegewinn.
Und wenn man sie mit Trockenfutter ernährt, damit sie weniger Wasser enthalten? – Trockenfutter = potenziell höherer Fettanteil = trockenerer „Brennstoff“. – Gemästeter Hase, 4 kg → ca. 2 kg nutzbare Masse. – Heizwert: ca. 5 MJ/kg → 10 MJ = 2,8 kWh – Reicht für: Wasserkocher ca. eine Stunde 20 Minuten. – Ein Haushalt braucht ca. 10 kWh/Tag → ca. 4 Hasen täglich.
Fazit: Das wäre aus physikalischer Sicht vertretbar. Aber effizient ist es nicht. Trockenfutter bringt minimale Verbesserungen – aber der Hase bleibt ein schlechter Brennstoff.
Man könnte die Hasen mit Plastik füttern, würde das nicht den Brennwert erhöhen? Hasen, gefüttert mit dem Inhalt aus Gelben Tonnen. Grundsätzlich eine Totalverwertungsidee, Projekt „Plastomast“. Das Ziel: „Hasen mit Kerosinwert“. – Recycling-Müllproblem gelöst: Plastik → Hasenfutter. – Biologische Umwandlung → thermisch nutzbare Biomasse.
Die Probleme: – Plastik ist toxisch für Tiere. – Verdauungssysteme von Hasen sind extrem empfindlich. – Verbrennen von Kunststofftierkörpern setzt Dioxine & Gifte frei. – Widerspricht jeglichen ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Standards.
Lösung: – Detox-Behandlungen gegen Vergiftungserscheinungen. – Medikamente gegen Verdauungsbeschwerden.
Ihr seht also, es gibt kein Problem, das sich nicht mit etwas gutem Willen lösen ließe. Ich bin guter Hoffnung, dass wir bereits in wenigen Jahrzehnten über die Anfangsschwierigkeiten lachen und den guten, ökologisch korrekten Hoppelstrom genießen werden. Die Schlagzeilen sehe ich heut schon deutlich vor mir:
Berliner Zeitung, Sonntag, 5. August 2035: Hoppelstrom – Energie aus kunststoffgemästeten Hasen Bundesregierung fördert Hoppelstrom: Pilotanlage in Niedersachsen soll bis zu 2.000 Haushalte mit Hasenwärme versorgen. Berlin/Nienburg (Weser) – In einem beispiellosen Schritt zur Lösung der Plastikmüll- und Energiekrise hat die Bundesregierung gestern das umstrittene Projekt Hoppelstrom vorgestellt. Das Prinzip: Hasen werden mit aufbereitetem Verpackungsmüll gefüttert, in brennstoffoptimierte Biomasse umgewandelt und thermisch verwertet. „Wir vereinen Tierschutz, Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft in einem System“, erklärte Bundesenergieministerin Fenja Trittin (Grüne). „Die Tiere melden sich freiwillig und werden nach höchsten ethischen Standards gehalten, gestreichelt und thermisch genutzt.“
Wissenschaft uneinig – Ethikrat alarmiert Prof. Dr. Jörg Kälbermeier (TU Dortmund) warnt: „Der Heizwert eines gut genährten Häschens liegt trotz Plastomast deutlich unter dem von Holzbriketts. Zudem sind Dioxinwerte beim Verbrennen der Hasenohren bislang nicht abschließend bewertet.“ Auch der Deutsche Ethikrat zeigt sich besorgt: Viele Einverständniserklärungen seien offenbar mit gefälschtem Pfotenabdruck und Karottensiegel versehen.
Erste Hoppelwerke in Planung Geplante Pilotanlage Hoppelstrom Nord I in Niedersachsen: 4.500 Masthäschen mit „Gelber-Sack-Futterversorgung“ dienen als Wärmeerzeugung für eine Grundschule und ein Rewe-Logistikzentrum. Ein Streichelzoo zur Imagepflege („Energie zum Anfassen“) wurde nebenan eingerichtet.
Kritik von Tierschutzbund und FDP Hasen vergasen: Der Tierschutzbund hält das Hasen-Verstromungsprojekt für „eine dystopische Farce“. Vertreter der FDP bemängelten die fehlende Beteiligung am CO₂-Zertifikatehandel.
Titelkommentar in der Bild „Brennt der Hase, leuchtet das Land?“ Ein Leitartikel von Paul-Otto Krugmann, Seite 1.
Weitere Themen – Wirtschaft: BASF kündigt neues Werk für hasenkompatibles Verpackungsmaterial an. – Feuilleton: Der Hase in uns – Essay über das Tier als Energieträger. – Die Technische Universität Bottrop hat errechnet: 12 Millionen Masthäschen könnten den gesamten Strombedarf von Bottrop decken – bei durchgehendem Streicheleinheitenbetrieb. – Wetter: Heiter bis wollig – Deutschland bleibt flauschig.
Angesichts eines gestern in Potsdam genossenen Stückes Vanille-Haselnuss-Marzipantorte drängte sich mir die Frage auf: Warum zum Teufel sind die ungesündesten Nahrungs- und Genussmittel immer die leckersten?
Bitte was? Das Regierungsviertel ist nicht weit vom Pankower Florakiez entfernt? Welches Florakiez, welches Regierungsviertel meinen Sie, liebe Frau Lengsfeld? Das von Berlin? Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland?
Dazwischen liegen rund acht Kilometer baustellenvermintes, radfahreraggressives, autofahrerhassendes Feindesland! Das muss man erst mal unverwundet überwinden.
Aber gut – „nicht weit entfernt“ ist ja keine exakte Wissenschaft. Vielleicht bin ich liebreizend schmallippiger, verbitterter alter Ex-Berliner auch nur zu pingelig.
Schon all die Jahre, in denen der Wolf aufgrund seiner zunehmenden Verbreitung in die Schlagzeilen geraten ist, mit Berichten über Schafsrisse in Massenmord-Quantität, über den Unmut der betroffenen Bevölkerung, über Warnungen seitens der Jäger, die sofortiges Handeln forderten, und natürlich über die Naturbewegten, denen kein Argument zu dumm ist, um für den Schutz des Wolfes zu werben, und denen die mahnenden Berichte aus vergangenen Jahrhunderten, in denen der Wolf als üble Landplage verteufelt wurde, völlig egal waren – all diese Jahre dachte ich mir: Was werden die Wolfsliebhaber wohl sagen, wenn das erste Kind angegriffen, verletzt oder gar getötet wird? Nun ist es so weit: In den Niederlanden wurde ein sechsjähriges Kind in einen Wald geschleift – von nur einem Wolf! Dabei sind Wölfe bekanntermaßen Rudeltiere, die auch im Rudel jagen. Was wäre dem Kind wohl erst passiert, wenn es von mehreren Tieren angegriffen worden wäre? Auch die Angriffe von Bären nehmen offenbar immer weiter zu. Es wird also Zeit, dass all die Naturbewegten endlich zur Besinnung kommen und verstehen, dass Wölfe und Bären ihre Zeit hatten – und dass diese längst abgelaufen ist. Es gab gute Gründe, warum der Mensch diese gefährlichen Tiere gewaltsam aus seinem Leben verbannt hat: einfach, um sich selbst vor Gewalt zu schützen.
Am nächsten Tag ging’s weiter Richtung Süden. Die Strecke Dingenskirchen – Prag – Wien ist hübsch gleichmäßig portioniert, wie bereits beschrieben. Unterwegs entdeckt man auch mal Sehenswürdigkeiten der besonderen Art, wie diese Kirche auf einer winzigen Insel, in der Mitte des Flusses Thaya.
Wir haben ja in Berlin auch unsere Prachtstraße „Unter den Linden“. Aber mit der Pracht Wiens kann die keinesfalls mithalten. Die Anzahl, Größe, Tiefe und Qualität der historischen Gebäude Wiens ist atemberaubend. Wenn ich was zu bemängeln hätte, dann dass die Stadt sich nicht so viel mit Details beschäftigt. Während die Gehwege in Prag historisch genau gepflastert sind, begnügen sich die Wiener mit schnödem Asphalt. Ich finde, dies entwertet das Gesamt-Ensemble ein wenig. Aber wer starrt schon auf seine Füße, wenn er solche Prachtbauten bestaunen kann?
Nachfolgendes Bild zeigt übrigens das Albertinum, welches ich in meinem Debütroman „Erdenend – Das Ende der Welt“ erwähnte:
In einem Café gegenüber unterhält sich der Romanheld Werner mit einem Österreicher über den Zustand der Gesellschaft. Demnach muss es sich bei einem der nachfolgend abgebildeten gastronomischen Einrichtungen um besagtes Café handeln. Wer weiß? Vielleicht sitzt Werner ja gerade drin und philosophiert mal wieder mit dem einen oder anderen Gast?
Die Rücktour nach Dingenskirchen mutierte dann noch unerwartet zum Horrortrip. Aus den ursprünglich vom Navi veranschlagten fünfeinhalb Stunden wurden ganze elf! Dreieinhalb Stunden hing ich in einem Stau fest, dessen Ursache ein umgekippter Lkw war. Der nächste Unfall fand auf der Gegenrichtung statt, ein plattgedrückter Pkw. Kurz dahinter ein weiterer umgekippter Laster. Hinter der tschechischen Grenze setzte schwerer Regen ein und blieb mir bis zum Einparken in der heimischen Garage treu. Die schlechte Sicht, kurz vor der letzten Autobahnabfahrt, war auch der Grund, dass ich fast selbst noch zum Unfallopfer geworden wäre. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein schwarzer Renault ohne Scheinwerfer und Warnblinklicht mitten auf der Fahrbahn, nach Qualm stinkend, die Front in die falsche Richtung gedreht. Wenige Meter daneben lag ein Vorderrad mit Teilen der Lenkstange. Die überall umherliegenden Kunststoffteile schabten genüsslich an meinen Wagenboden, während ich versuchte, keines der größeren zu treffen. Schlimmes passiert ist dem Fahrer wohl nichts, er stand mit anderen Personen und deren Autos an der Seite. Ich kann mich also kaum beschweren, die Verunfallten hatten an diesem Tag eindeutig das schlechtere Los gezogen.
Und? Hat sich die Tour nun gelohnt? Nur wegen eines Tisches? Aber ja! Wo kämen wir hin, wenn wir unseren Träumen nicht um die halbe Welt nachjagen dürften?
Eigentlich ging es nur um einen Tisch. Aus Mahagoni, passend zur Wohnzimmereinrichtung, auch in diesem wunderbaren dunkelroten Farbton. Unbedacht hatte ich vor 30 Jahren meine ersten West-Lautsprecher in Mahagoni bestellt, ohne zu realisieren, dass dann auch die restliche Einrichtung dazu passen muss, denn zu Mahagoni passt nun mal nur Mahagoni. In meiner neuen Wohnung fehlte noch ein Couchtisch zur Komplettierung, nur leider gibt es inzwischen kaum noch Mahagoni-Möbel, und wenn doch, dann meist nur in dem verschnörkelten, ornamentierten Kolonial-Stil, der nicht zu meinen eher rational-kantigen Möbeln passt. Zufällig entdeckte ich bei der Internetsuche einen passenden, unverschnörkelten Tisch, unpassenderweise jedoch gaaanz weeeit weeeg. Nämlich in Wien. Acht Autostunden entfernt. Nur für Selbstabholer. Wollte ich mir das wirklich antun? Dann fiel jedoch eine geplante Görlitz-Reise zur sächsischen Verwandschaft ins Regenwasser, garniert mit allerlei Unpässlichkeiten bei diversen Beteiligten, sodass plötzlich ein verlängertes freies Wochenende nach Action schrie. Warum die Gelegenheit nicht nutzen und eine Tisch-Trip unternehmen, in erträglich kleine Streckenhäppchen portioniert? Auf der Strecke nach Wien liegt nämlich Prag, und beide Städte hatte ich noch nie besucht, aber schon immer auf meinem Wunschzettel. Also schnell beim Wiener ’nen Tisch bestellt, damit er bei Ankunft nicht schon zu Feuerholz verarbeitet wurde, dazu noch zwei Hotelzimmer und schon konnte es losgehen. Prag ist nur vier Autostunden von Dingenskirchen entfernt, eine Strecke, die man problemlos meistern kann, vorausgesetzt, das Schicksal vermasselt einem nicht wieder die Tour, zum Beispiel mit Staus von biblischen Ausmaßen wie in meinem Fall. Dennoch kommt man irgendwann an, und statt hier groß rumzulabern, zeige ich einfach ein paar Fotos. Nur so viel sei verraten: Prag und Wien sind ausgesprochen sehenswerte Orte mit herzlichen Menschen, die wissen, wie man lebt, und die in den vielen Parks auf Bänken oder in Restaurant und Cafés ihr Dasein genießen.
Während im letzten Jahr, dem Jahr meines Umzugs, weg von Berlin und hin nach Dingenskirchen, die einzige S-Bahnlinie, die beide verbindet, einen noch einigermaßen brauchbaren Eindruck vermittelte, hat sich dieser Zustand inzwischen in eine beklagenswerte Katastrophe verwandelt. Fast jeden Tag beherrscht das Chaos die 25 Kilometer lange Strecke, und nicht nur diese – alle anderen auch. Polizeieinsätze, Personen im Gleis, defekte Weichen, reparaturbedürftige Stellwerke, jedesmal ist irgend was anderes entgleist und verwandelt Fahrgäste in Kollateralgeschädigte. Immerhin erstaunlich, dass man meistens trotzdem noch irgendwie ans Ziel kommt, außer im letzten Winter, als urplötzlich und vollkommen unterwartet merkwürdiges weißes Zeug vom Himmel fiel und die Bahn so schwer beeinträchtigte, dass der Zugverkehr nach Dingenskirchen ausgesetzt werden musste, freilich ohne jeglichen Hinweis darauf, wann er denn wieder aufgenommen wird. Glücklicherweise konnte ich Chefchen telefonisch aus dem Büro nötigen, woraufhin er mich unterwegs einlud und nach Hause brachte. Wir wohnen nämlich dicht beieinander, ich in Dingenskirchen und er in Hinterunterkleinsttrödelingen. Heute nun hat es mir aber gereicht! Problematische Hinfahrt am Morgen, problematische Rückfahrt am Abend – so kann das nicht weitergehen. Daher habe ich mich während des Wartens auf dem Bahnsteig entschlossen, die Sache politisch anzugehen und ein Manifest verfasst:
Sunlions Manifest für die endgültige Lösung aller Berliner Probleme
Untertitel: Ein Manifest für den letzten Ausweg, genehmigt vom Amt für Symbolische Kapitulation:
1. Vorwort Berlin war mal eine Stadt. Heute ist es ein Wartesaal mit gläsernen Fassaden. Menschen stehen, starren, schweigen – und warten: Auf Termine. Auf Züge. Auf Antworten. Auf bessere Zeiten. Doch diese kommen nicht. Im Gegenteil. Das Warten dauert länger und länger, Tag für Tag, Woche für Woche. Wir haben demonstriert. Wir haben Petitionen unterschrieben. Wir haben auf Bürgerämtern gewartet. Wir haben in Sitzungen gesessen, die länger dauerten als die Bauzeit des BER. Aber Berlin hört nicht mehr. Berlin ist taub von all dem Lärm der Ankündigungen. Und blind vor all den Leuchtturmprojekten, die nie leuchten. Die Verwaltung: ein Escape-Room ohne Ausgang. Der Öffentliche Nahverkehr: ein Glücksspiel mit schlechter Stimmung. Die Politik: ein Gespräch, bei dem alle weghören – sie selbst eingeschlossen. Die Menschen: müde. Die Stadt ist kaputtgeliebt, zerredet und zerwaltet.
2. Problem Wir haben’s versucht: Mit „Verkehrswende“ – und bekamen kaputte Rolltreppen. Mit „digitaler Verwaltung“ – und druckten Termine aus PDFs aus oder verschickten Bescheide mit Faxgeräten. Mit „mehr Wohnraum“ – und bauten Eigentumswohnungen mit Tiefgarage. Mit „Kulturförderung“ – und schlossen Clubs wegen Brandschutz oder nachbarschaftlicher Beschwerden.
3. Die Lösung Zuschütten! Schluss mit Pflastern! Wir brauchen Beton! Meterweise! 20 Meter hohe ehrliche Schwere, konsequent flächendeckend über ganz Berlin verteilt. Vorteile: Keine Verspätungen mehr. Es gibt nichts mehr, was zu spät sein kann. Keine Bürokratie mehr. Alles ist unter Beton begraben. Keine Armut, keine Gentrifizierung, keine Wärmestuben, keine Schlaglöcher. Nur noch Ruhe. Und ausreichend Parkplätze.
4. Umwelt und Soziales Wir pflanzen Bäume auf das Betonplateau, alle zehn Meter einen, als Symbol für Hoffnung. Dazwischen passen im Schnitt drei Autos, mit ausreichend Abstand als Schutz vor Blechschäden.
Hier und da noch eine Parkbank. Für Selfies auf Instagram.
5. Schlusswort Dies ist kein Vorschlag. Auch keine Ansage. Es ist eine Absage. Eine Kapitulation mit Stil. Denn wenn eine Stadt sich selbst nicht retten will – dann soll sie wenigstens ordentlich begraben werden. Mit Parkschein und QR-Code. Und einem Denkmal: „Hier wurde nichts mehr versucht.“ Deshalb fordern wir: Keine Vision mehr, nur noch Aktion. Zuschütten statt verschönern. Beenden statt beklagen. Erdrücken, was uns erdrückt. Betonmischer aller Länder vereinigt Euch!