Da wundern sich die etablierten Medien, wenn man sie als Lügenpresse schmäht oder ihnen Propaganda vorwirft. Kein Wunder auch, wenn sie sich dabei so dämlich anstellen wie gerade die ZDF-Heute-Sendung. Dort berichtete der Sprecher über einen neuerlichen Vorstoß des deutschen Außenministers Steinscheißer, der die NATO-Aufrüstung gegenüber Russland erneut kritisierte und für mehr Entspannung und Zusammenarbeit warb. Dabei kam der Sprecher auch auf die KSE-Verträge zu sprechen, in denen die konventionelle Abrüstung aller europäischen Staaten vom Atlantik bis zum Ural geregelt werden sollte. Und was verkündet dieser verlogene Mistbock im letzten Satz des Beitrags? Russland habe die Verträge im Jahr 2007 gekündigt.
Da hat er sogar recht! Russland hatte die Verträge teilweise ausgesetzt. Man kann jedoch auch lügen durch Unterlassung von weiteren wichtigen Details. Diese hätten nämlich verraten, dass die NATO-Staaten die betroffenen Vertragsbestandteile gar nicht erst unterzeichnet haben. Steht alles bei Wikipedia. Verlogenes Journalistenpack!
Nachdem sich Justizminister Maas schon so einige Fehltritte geleistet hat, konnte er nun erneut beweisen, dass er offenbar nicht der Schlaueste ist. In der „Welt“ forderte er nun eine Auskunftspflicht, nach der Frauen mitteilen müssen, mit wem sie Sex hatten. Was eigentlich einen positiven Hintergrund hat, nämlich dass die tatsächlichen Erzeuger ihrer Unterhaltspflicht nachkommen sollen, dürfte vor Gericht zur größten Lachnummer der Menschheitsgeschichte verkommen:
Richter: „Sie nennen jetzt sofort den Namen Ihres damaligen Sexpartners!“
Flittchen: „Ähm … ääähhh … sorry! War zu besoffen! Kann mich leider nicht erinnern!“
Richter: „Oh … ach so … ähm … tja, wenn das so ist …“
Nach einem langen Leben, das immerhin 15 Jahre währte, muss ich mich nun schweren Herzens von Dir verabschieden. Du warst die beste Hose meines Lebens!
Du warst eng, wo Enge gebührt, und hattest Schlag, nicht nur bei den Frauen.
Du warst bequem, hattest immer ein Plätzchen für mich frei. Du wurdest geliebt und gerockt, geflickt und gestopft. Hast die Welt umrundet, die Südsee bewundert und die Wüste durchquert. Hast die Mädels betört und stets eine gute Figur gemacht.
Doch auch das abenteuerreichste Leben geht irgendwann zu Ende. Schade, dass es schon so weit ist.
Leb wohl, ich werde Dich nie vergessen … meine 527.

Ein geradezu philosophische Frage: Was ist Realität? Das persönliche Weltbild wird geprägt durch das, was wir um uns herum wahrnehmen: Durch unsere Freunde, Begegnungen auf der Straße, Unterhaltungen im Café und natürlich durch Presse und Medien. Selbst zwei Menschen, die seit Jahren innig zusammenleben, haben oft nicht die gleiche Erlebniswelt. Schon der Umstand, dass einer von beiden fünf Minuten früher aufsteht, sich an den Computer setzt und in seiner Lieblings-Onlinezeitung liest, dass ganz Amerika in der vergangenen Nacht durch einen Ausbruch des Supervulkans im Yellowstone-Nationalpark vernichtet wurde, kann dazu führen, dass beider Realität plötzlich gravierend voneinander abweicht.
Wer bisher noch geglaubt hat, die Amis wären die Guten, die keiner Fliege etwas zuleide tun, und die nur Wohlstand, Frieden und die so oft strapazierte Freiheit zu den Menschen bringen wollen, der werfe mal einen Blick auf das Wirken sogenannter Denkfabriken. Die empfehlen doch aktuell der polnischen Regierung tatsächlich, grundlos russische IT-Infrastruktur anzugreifen, einfach nur, um den Russen zu zeigen, dass sie es können. Das ist in etwa so, als würde in der Schule die hinterhältige Klassenpetze den schmächtigsten Mitschüler dazu aufstacheln, dem kräftigen, muskelbepackten Athletikstar aus der Nachbarklasse in der Hofpause prophylaktisch ein paar aufs Maul zu hauen. Nur um zu zeigen, dass er es theoretisch könnte, wenn er denn wollte.
Na gut, okay, werden einige von Euch sagen, das schreiben die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“, die wären doch auf der nach unten offenen Seriösitätsskala genauso niedrig und unseriös einzuschätzen, wie der Kopp-Verlag! Darum lege ich noch ein kleines Schippchen oben drauf: Lassen wir die Protagonisten doch einfach selbst zu Wort kommen! Dreißig Minuten, die sich wirklich lohnen, zur Neuausrichtung der persönlichen Realität:
Der Überfall bringt Werner an den Rand des Todes, erst im letzten Moment wird er gerettet. Unter welchen Umständen und von wem, soll hier nicht verraten werden, sonst ist ja die ganze Spannung weg. Im Gegenteil, im heutigen letzten Teil drehen wir die Spannungskurve noch mal ordentlich nach oben, denn Werner begegnet seinen Peinigern erneut:
„Kannst du mir Geld überweisen? An eine Transferbank in Wladiwostok?“ Auf die Nachricht des Überfalls reagierte sein Vater erwartungsgemäß allergisch. Werner drehte sich genervt um und lehnte sich an die Rückwand der Zelle, während er die Litanei über sich ergehen ließ. Sein Blick streifte über die Hügelkette auf der anderen Seite der Bucht, dann über das diesseitige Ufer und die Motoryachten. Sieh an, selbst in dieser abgelegenen Gegend gibt es Leute, die etwas Geld haben. Als Werner sich wieder umdrehen und auf sein Telefonat konzentrieren wollte, nahm er beim Drehen des Kopfes fast unbewusst und nur aus den Augenwinkeln noch etwas anderes wahr: Dunkelgrün. Sein Gehirn benötigte ein paar Sekunden, um den zwischen all dem Unkraut kaum wahrnehmbaren Reiz herauszufiltern und zu bewerten, doch als es ihn vollständig entschlüsselt hatte, warf Werner entgeistert den Kopf herum und starrte das Objekt mit großen Augen an. Hinter den Booten, halb versteckt, stand ein dunkelgrüner UAZ. „Warte mal, ich hab da gerade was entdeckt!“ Er ließ den Hörer baumeln und näherte sich, die Umgebung aufmerksam observierend, dem schmiedeeisernen Tor.
Um das Kennzeichen zu erkennen, stand das Auto zu weit entfernt, doch die blaue EU-Kennung war deutlich zu sehen. Sehr unwahrscheinlich, dass es hier ein zweites Fahrzeug desselben Typs mit EU-Nummernschild gab. Die haben sich nicht mal die Mühe gemacht, die Schilder zu entfernen, unglaublich!
„Ich ruf wieder an!“ Werner hängte den Hörer auf. Dann schaute er zu den Kleingärten hinüber. Niemand da. Die zwei Pappeln standen direkt hinter dem Zaun, es dämmerte bereits. Er sprang über den niedrigen Zaun und kletterte, gut versteckt hinter der Telefonzelle, eine der beiden Pappeln hoch, bis er einen bequemen Ast erreichte, um sich darauf niederzulassen. So saß er wie auf dem Präsentierteller, denn die Bäume hatten ihre Blätter längst schon verloren. Doch die Tarnbekleidung erfüllte ihren Zweck, und es gab hier keine einzige Straßenlaterne. Nach einer halben Stunde kam die Dunkelheit und verbarg Werner unter ihren finsteren Schwingen.
Neben dem eisernen Tor stand ein Backsteingebäude, erbaut aus unterschiedlich farbigen Ziegeln, mit nur wenigen Fenstern. Als die Dämmerung einsetzte, erhellte Licht das Innere des Gebäudes, doch konnte Werner niemanden darin entdecken. Leichter Frost kletterte langsam den Baum hinauf und verbiss sich in Werners Füßen. Welch blöde Idee, was soll das hier eigentlich werden? Vermutlich haben sie das Auto an jemanden verkauft und sind längst über alle Berge. Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da näherte sich, den Hügel hinab, der Scheinwerferkegel eines rasch näherkommenden Fahrzeugs. Verdammt, das sind sie! Werner erkannte den alten Lkw sofort wieder. Er hielt vor dem Tor, der drahtige Typ mit dem öligen Pferdeschwanz öffnete es und fuhr auf das Grundstück. Dann lief er auf das Gebäude zu und betrat es von der für Werner nicht einsehbaren Rückseite. Im Inneren gab es ein großes Hallo, Musik wurde angestellt, die nach und nach deutlich lauter wurde.
Ein zweites Fahrzeug kam den Weg entlang und fuhr auf das Gelände. Ihm entstiegen sechs Personen, die Werner nicht kannte. Die Party kam jetzt richtig in Stimmung, die Musik plärrte selbst durch die geschlossenen Fenster unverhältnismäßig laut. Werner fror erbärmlich auf seinem Ast, nach drei Stunden stieg er herunter, um sich durch etwas Bewegung aufzuwärmen. Fast wäre ihm dadurch das nächste Ereignis entgangen, denn die Tür zur Rückseite wurde geöffnet und eine Person verließ das Gebäude. Werner nahm es nur indirekt durch den Lichtschein der geöffneten Tür und die lauter und wieder leiser werdende Musik wahr. Wegen der Dunkelheit war kaum etwas zu erkennen, aber die Glatze des verhältnismäßig kleinen Mannes leuchtete deutlich sichtbar durch die Nacht. Es war der Typ, der den Motor wieder zum Laufen gebracht hatte. Anscheinend war er schon vorher im Haus gewesen.
Der Mann schwankte schwer alkoholisiert in Richtung des Wassers. Vielleicht muss er mal pinkeln, mutmaßte Werner, doch er steuerte auf eine der Motoryachten zu, die im Wasser lagen. An Deck ging die Beleuchtung an, dann wurde auch der Innenraum erhellt. Sieh mal an, dort versteckt ihr euch! Werner rang mit seiner Unentschlossenheit, dann riss er sich zusammen, kletterte zurück, lief geduckt den Weg entlang, weg von dem Gebäude mit der feiernden Gesellschaft, und stieg hinter der Wellblechhalle, weit außer Sichtweite, über den Zaun. Ist doch manchmal gar nicht so schlecht, wenn es keine Laternen gibt, freute er sich und lief zum Boot hinüber, das am Ende eines T-förmigen Holzstegs vertäut war. Er zog seine schwarze Strickmütze noch etwas tiefer, schlug den Kragen hoch, sodass vom Gesicht nur ein schmaler Spalt übrig blieb und schlich dann auf Zehenspitzen den Steg entlang, der dank seiner massiven Bauweise glücklicherweise nicht das leiseste Knarren von sich gab.
Werner spähte mit sicherem Abstand durch die Fenster nach drinnen, doch er konnte den Mann nirgends entdecken. Sicherheitshalber noch ein Blick zurück zum Haus, dann schwang er sich behutsam über die niedrige Reling aufs Deck. Das Auftreffen der Stiefel verursachte ein leises Kratzen auf der weißen Kunststoffoberfläche, weshalb er kurz innehielt und auf eine Reaktion wartete. Da alles ruhig blieb, betastete er seine Sohlen, entfernte ein paar Steinchen aus dem groben Profil und kroch dann um die Aufbauten herum über das Deck. Noch immer kein Lebenszeichen von dem kleinen Mann, und das Boot war nicht besonders groß, also wo konnte er nur sein? Als Werner das Heck erreichte, sah er die einen Spalt breit geöffnete Tür. Vielleicht kommt er gleich wieder heraus? Er verharrte ein paar Minuten unbeweglich und schob sich dann langsam an die verspiegelte Schiebetür heran. Die See war ruhig, das Boot lag da wie ein Stein. Sachte zog Werner am Griff und öffnete die Tür Millimeter für Millimeter, in Erwartung verräterischer Geräusche. Doch nichts rührte sich. Nur vom Festland wehte die plärrende Musik herüber.
Aus dem Inneren schlugen ihm widerwärtige Alkoholausdünstungen entgegen. Er ging hinunter in die Hocke und tastete sich auf allen Vieren leise vorwärts. Zu seiner Linken befand sich eine kleine Kücheneinrichtung, und gleich hinter der Tür, auf der rechten Seite, eine Art Anrichte mit mehreren Schubladen und Türen. Einer Raubkatze gleich, schlich er weiter voran. Links eine Sitzgruppe mit Tisch, auf ihm ein Aschenbecher nebst Feuerzeug. Rechts ein Sofa, daraufliegend eine Jacke, davor die Sitzbank des Rudergängers. Und ganz weit vorn, unterhalb der Frontscheibe, eine schmale Tür. Sie führte über eine Treppe hinab in den Bugraum. Nur dort konnte er noch sein! Werner näherte sich der Tür und riskierte einen ersten Blick hinunter in die Dämmerung. Dann erschrak er über seinen eigenen Schatten, krabbelte wieder zur Eingangstür, fand zwei Schalter und löschte die Lichter außen und im Innenraum.
Zurück zum Bug! Er setzte als erstes den Hacken auf die oberste Stufe, klappte den Fuß nach vorn, bis die ganze Sohle die Oberfläche berührte und erhöhte langsam den Druck, bis das ganze Gewicht auf der Stufe lastete. Dann den anderen Fuß. So ging es die ganze Treppe hinab, Schritt für Schritt, nur kein Geräusch verursachen!
Ein funzeliges Lämpchen an der Decke verstreute sein schauriges Licht in dem schmalen, niedrigen Raum. Auf beiden Seiten jeweils ein Doppelstockbett mit zugezogenen Vorhängen. Trotzdem wusste Werner genau, in welcher Koje der Mann lag. Er spürte die Wärmeabstrahlung des fremden Körpers auf seiner linken unteren Gesichtshälfte, bestätigt durch den Fuseldunst, der hinter dem Vorhang hervorquoll. Werner hob ihn langsam an und sah den Mann in Unterwäsche mit dem Gesicht zur Wand auf der Pritsche liegen. Er schlief.
Leise drehte sich Werner um und schlich wieder die Stufen hinauf. Die Tür zum Bugraum ließ er offen, um das Geschehen im Auge zu behalten. Dann sah er sich um. Ob sie meine Sachen hier irgendwo versteckt haben?
Er lief zurück zum Eingang und durchstöberte leise die Schubladen und Schränke der Anrichte, fand aber nichts von Interesse. Doch halt, ganz hinten in einer der Schubladen, unter einem Haufen Akten, stieß er auf vier Mobiltelefone, darunter auch sein eigenes. Es war ausgeschaltet, vermutlich war der Akku erschöpft. Werner realisierte, dass der Anblick des wiedergefundenen Handys in seiner Hand ihn kaum überraschte, so als hätte er nichts anderes erwartet. Immerhin, das war doch schon mal ein Anfang!
Als nächstes untersuchte er die Jacke auf der Couch. Zuerst nur Papierkram, nichts Wichtiges. Dann ein großes Portemonnaie, wie es Kellner gern benutzen, mit vielen großen Scheinen in unterschiedlichen Währungen, aber auch mehreren hundert Euro. Sind das etwa meine? Ach was soll‘s! Er nahm das Geld an sich und suchte weiter.
Schlafraum … Wohnraum … Küche. Und wenn sie mal müssen? Werner suchte und fand eine halbversteckte Tür neben der Küche, die in einen winzigen Toilettenbereich mit Waschbecken führte. Sieh mal an, am Wandhaken eine Polizeiuniform, fein säuberlich über den Bügel gehängt! Was hat die denn hier zu suchen? Ansonsten nur Kosmetikartikel, Zahnbürste, Seife und Toilettenpapier.
Er schloss die Tür wieder und blickte sich ratlos um. Die wirklich wichtigen Dinge habe ich nicht gefunden. Aber was habe ich auch erwartet, dass die mir meinen Reisepass und die Kreditkarte eisgekühlt auf dem Silbertablett servieren?
Bei dem Gedanken verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. Eisgekühlt? Er öffnete den Kühlschrank. Milch, Butter, Brot, wer legt denn Brot in den Kühlschrank? Wurst. Wodka, natürlich! Und noch ein Tiefkühlfach. Er öffnete die Klappe, eine Blechdose mit Eiswürfeln, dahinter eine hellbraune Schachtel. Intuition? Er zog die Schachtel heraus und wurde blass. Sie enthielt einen Stapel mit mehreren Ausweisen, Reisepässen und Kreditkarten verschiedener Personen und Nationalitäten. Männer, Frauen, Mongolen, Ukrainer, Chinesen, aber vor allem Russen. Und obendrauf Werners Papiere. Es gab schon mehrere solche Überfälle, hatte Maria erzählt. Werner fühlte kalte Wut in sich aufsteigen. All diese Menschen! Ich sollte diese Dreckskerle mitsamt ihrer Yacht versenken! Wie hatte Jean gleich gesagt? ‘Ne Weltreise machen und anschließend abkassieren, dafür würde manch anderer töten? Das käme ja fast hin.
Doch er zügelte sich, steckte die Dokumente ein und überlegte. Wie kann ich diesen Halunken am besten einen Strick daraus drehen? Vielleicht die Ausweise irgendwo auf dem Gelände verstecken und der Kriminalpolizei in Wladiwostok einen anonymen Hinweis geben? Mal sehen, vielleicht ergab sich noch etwas. Das Handy und meine Unterlagen habe ich also gefunden. Fehlt eigentlich nur noch die Kleidung.
Nach dem Kühlschrankfund zog Werner nun auch ungewöhnliche Verstecke in Betracht und öffnete neugierig die Schranktür unter der Spüle. Doch der schmierige Griff entglitt seinen Fingern, und die Federmechanik ließ die Tür mit einem laut peitschenden Knall wieder zuklappen. Adrenalin schoss heiß durch Werners Körper und ließ ein paar Schweißperlen auf seiner Stirn umhertanzen. Atemlos lauschte er in die Stille des Bugraumes hinunter. Doch nichts regte sich. Nach ein, zwei Minuten wagte er einen neuen Versuch.
Ein undefinierbarer Geruch schlug ihm entgegen, irgendwie muffig und leicht ätzend. Zu dunkel um etwas zu erkennen. Werner griff beherzt hinein und hielt einen Plastikeimer in den Händen. Er war zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt, darin schwammen unzählige Zigaretten- und Zigarrenstummel und verliehen der miefigen Melange ihre muffige Kopfnote. Brandschutz war durchaus eine wichtige Angelegenheit bei Seefahrern! Trotzdem eine eklige Schweinerei.
Werner stellte den Eimer oben in der Spüle ab und widmete sich weiter den im Dunkeln verborgenen Schätzen. Er ertastete einen schweren, zylinderartigen Gegenstand und zog ihn heraus. Der Pappeimer verströmte einen scharfen Geruch nach Lösungsmitteln und war die ätzende Komponente der befremdlichen Duftmixtur. Werner hob den Deckel ab. Der scharfe Dunst reizte die Augen sofort zu Tränen. Bohnerwachs! Momentan nicht weiter hilfreich, darum verschloss er den Behälter sofort wieder.
Erneut peitschte ein lauter Schlag Werner den Schrecken in die Glieder. Schritte auf dem Deck! Lautes Grölen und verschlagenes, hinterhältiges Lachen einer schneidenden Stimme näherten sich in gefährlichem Tempo. Der zweite Mann lallte unverständliches Zeug. Hastig stellte Werner den Pappeimer in den Schrank zurück, schloss leise die Tür und suchte nach einem passenden Versteck. Toilette? Zu riskant, wenn sie gerade jetzt das Bedürfnis quält! Schon waren die Schritte an der Tür. Werner sah keine andere Möglichkeit, als sich in den Bugraum zurückzuziehen, um schnellstmöglich von der Bildfläche zu verschwinden und Zeit zu gewinnen. Vielleicht blieben sie ja erst mal oben.
In Panik suchte er mit dem Fuß die oberste Stufe, doch die noch immer tränenden Augen und die Dunkelheit ließen ihn das Ziel verfehlen. Ohne Halt zu finden, polterte er auf dem Hintern die Treppe hinab, während oben die Schiebetür zur Seite glitt. Autsch!
Mit starrem Entsetzen und schmerzverzerrtem Gesicht warf Werner einen Blick auf den schlafenden Mann, der sich jedoch nicht regte. Was nun? Wohin? Die Tür zur Kajüte stand noch immer offen und barg die Gefahr baldiger Entdeckung in sich. Es klickte verhalten, Licht fiel durch den schmalen Gang die Treppe hinab. Ein weiteres Mal ließ das peitschende Geräusch der Küchenschranktür Werner zusammenzucken und erinnerte ihn unerbittlich an den noch immer in der Spüle stehenden Wassereimer. Verdammt, den habe ich glatt vergessen!
Hektisch schleuderte Werner seine Blicke umher, keine Nische, in der er sich verbergen, keine Schranktüren, keine Vorhänge, hinter denen er sich verstecken könnte. Die harten Schritte waren jetzt ganz nah, kurz vor der Treppe nach unten. Moment mal … Vorhänge? Werner blickte rasch in die Kojen – Bettzeug … Bettzeug … unbezogen! Mit einem mächtigen Satz sprang er in das Bett über dem Schlafenden und zog den Vorhang zu. Keine Sekunde zu früh, denn schon stolperten die beiden Ankömmlinge mit schwerer Schlagseite die Stufen herunter. Durch den dünnen Stoff konnte Werner die Silhouetten der zwei erkennen. Es waren die beiden ebenfalls am Überfall beteiligten Männer. Werner brachte seine Faust vorsorglich in eine günstige Position. Ein Blick hinter seinen Vorhang und er hätte demjenigen die Nase zertrümmert.
Der drahtige Typ mit dem Pferdeschwanz schob den Vorhang zur Seite …
Wer wissen will, wie es weitergeht, der sollte jetzt zugreifen, denn Werner begegnet auf seiner weiteren Reise noch vielen interessanten Menschen:
In Japan trifft er einen Meister der Kampfkünste, der ihm höchst interessante und erstaunliche Parallelen zwischen menschlicher Spezies und der Tierwelt erläutert, und wodurch sich der Mensch überhaupt von anderen Lebewesen unterscheidet, nämlich durch die Fähigkeit, freie Entscheidungen treffen zu können, auch wenn sie im Widerspruch zur evolutionär vorgesehenen genetischen Programmierung stehen.
Und in den USA gelingt Werner das unglaubliche Kunststück, einen garstigen Cop ausgerechnet mit Bertold Brecht auszuknocken.
Auf keinen Fall aber solltet Ihr den vorletzten Abschnitt „Niemandsland“ verpassen! Dort trifft Werner nämlich einen seltsamen Mann, der ihm ein Geheimnis über den Ursprung der Menschheit verrät, ein Geheimnis, dass sonst niemand weiter kennt – kein Biologe, kein Archäologe, kein Wissenschaftler dieser Welt. Das gibt es nur in meinem Buch, und es erklärt einfach alles, warum wir Menschen so sind, wie wir sind, und warum manchmal einfach alles schiefläuft.
Na denn – viel Spaß beim Lesen!
Nachdem Werner von Major Wolkow wieder über die Grenze in die Ukraine zurückgeschickt wurde, muss er sich nach einer Alternativroute umsehen. Er findet sie in Mariupol in Form eines Fischfangkutters, der ihn nach Georgien bringt, von dort fliegt er im Doppeldecker weiter nach Aqtau in Kasachstan. Ein Kasache, der Werners Auto stellvertretend durch Russland bis nach Kasachstan gefahren hat, empfängt Werner bei sich zu Hause, besorgt ihm ein Visum für Russland und übergibt ihm sein Fahrzeug, mit dem Werner sich auf die Reise durch die kasachische Wüste macht:
Nach etwa fünf Stunden wurde Werner langsam unruhig. Er verließ die staubgelbe Piste und hielt kurz an einem staubgelben Plätzchen, das sich nur dadurch etwas abhob, weil es mit einem etwas helleren Staubgelb eingefärbt war, als die restliche Umgebung. Werner öffnete das von Marat übergebene Päckchen und fand darin ein gutes halbes Kilo staubgelber Kekse, natürlich selbstgebacken, frisch und überaus köstlich! Mit einem Mal kam ihm die Umgebung viel weniger trostlos vor.
Nach weiteren fünf Stunden war von diesem kurzen Anfall guter Laune schon nichts mehr übrig. Was für ‘ne bescheuerte Idee, diese lange Strecke mit einem Auto zurücklegen zu wollen! Wie kann man nur so dämlich sein! Werner fluchte laut vor sich hin, was aber niemanden störte, denn er war ganz allein. Seit heute früh war ihm kein einziges Fahrzeug begegnet, außer ein am Straßenrand vor sich hinrostendes Panzerwrack, vermutlich ein Überbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg.
Die Nacht verbrachte er in Aqtöbe, in einem zugigen, kalten Hotel ohne Flair und Ausstrahlung. Immerhin – das Zimmer war sauber und die Dame an der Rezeption gab ihm noch den guten Rat mit auf den Weg, vor dem Grenzübertritt zu tanken, da die Preise hier etwas niedriger seien als in Russland.
Ungeachtet dessen war der Weg bis zur Grenze noch endlos weit, zumindest aber kam es Werner so vor, die Landschaft war nach wie vor eintönig und öde, nichts als Staub und Steine, kein einziger Baum, kein Strauch, anfangs wenigstens, denn an einigen Stellen der Strecke waren plötzlich Bäume gepflanzt, offenbar absichtlich von Menschenhand, freiwillig täte hier kein Baum von selber wachsen wollen, schon aus Angst, dass ihm vor Langeweile die Rinde schuppig würde, und schon hinter der schmalen Baumreihe deutlich sichtbar, erstreckte sich wieder die öde, wüste Weite, man könnte auch sagen, die weite öde Wüste oder die wüste, weite Öde, es würde keinen Unterschied machen, die endlose Fahrt würde weder durch das eine noch durch das andere irgendwie aufgewertet, eine unerträglich lange Aneinanderreihung von staubgelben Staubkörnern, Steinen, selbstgepflanzten Bäumen und unspektakulären Ereignisvakua, fast so wie ein zermürbend langer Satz mit einem unaufhörlichen Schwall von Worten in einem entmutigend dicken Buch, der einfach nicht enden will.
Offenbar waren die Grenzbeamten da ganz anderer Meinung und betrachteten Werners Ankunft als Störung ihrer genussvollen Wahrnehmung des aus ihrer Sicht nervenzerfetzend spannenden Ambientes. Oder sie hatten ihren Gemütszustand an die Ereignislosigkeit ihrer Erlebniswelt angepasst und wollten nun von dem mit hektischen zwanzig Kilometern pro Stunde heranrollenden Militärjeep nicht aus der wohlverdienten Ruhe gebracht werden. Vielleicht waren sie aber auch nur müde, denn die Zeiger der Wanduhr hinter ihrem Rücken zeigten bereits nach Mitternacht. Jedenfalls sahen sie in dem Identitätschaos in Werners Dunstkreis anscheinend keinen Widerspruch und hinterließen wortlos ihre Stempelmarke in seinem Pass. Dann durfte er einreisen.
Werner durchquert Russland, besucht die Orte Omsk, Nowosibirsk und Sljudjanka und staunt über die unfassbare Weite Sibiriens.
Nahe Wladiwostok, nach einem Unfall, gerät er mit drei Halunken aneinander, was seinem Leben eine dramatische Wendung geben wird:
Als Werner sich wieder gefangen hatte, sortierte er zunächst seine Gliedmaßen, bewegte vorsichtig Rücken und Nacken, um herauszufinden, ob er ernstlich verletzt war. Füße, Hände, Rippen – alles in Ordnung, nur der Kopf schmerzte ein wenig. Dann stieg er aus und inspizierte sein Auto. Das äußerste rechte Ende der vorderen Stoßstange war am Berührungspunkt mit dem Baum leicht verbogen, ansonsten konnte er keine weiteren Schäden entdecken. Federn, Stoßdämpfer, alles schien noch intakt zu sein. Er schaute den steilen Abhang hinauf und konnte kaum glauben, dass er diesen Sprung überlebt hatte. Das Gelände war leicht abschüssig, wie bei einem Extremskispringer hatte das wohl die Energie des Aufpralls umgelenkt.
Werner versuchte den Motor anzuwerfen, doch der gab keinen Mucks von sich. Na toll, also doch ein Defekt! Ein Blick unter die Motorhaube brachte keinerlei Erkenntnisse, denn er kannte sich mit Autos überhaupt nicht aus. Schmutzige Finger waren nicht seine Sache, er überließ das Basteln lieber den Werkstätten. Jetzt, in diesem Augenblick, bereute er die Wissenslücke. Gestrandet mitten im Nirgendwo!
Er sah sich um, schaute den Abhang hinunter und entdeckte zwischen Bäumen und Gestrüpp einen hellen Streifen. Unten angekommen, verwandelte sich der Streifen in einen sandigen Waldweg. Immerhin ein Funke Hoffnung, ein Pfad zurück in die Zivilisation.
Werner kletterte den Abhang wieder hinauf und versuchte das Fahrzeug etwas zurückzuschieben und an dem Baum vorbeizulenken. Eine knifflige Aufgabe, denn der schwere Geländewagen ließ sich nur mit äußerster Kraft bewegen. Doch wenige Zentimeter und das bis zum Anschlag eingedrehte Lenkrad reichten aus, um an dem Baum vorbeifahren zu können. Der UAZ setzte sich langsam in Bewegung und rollte den Abhang hinab. Werner sprang durch die geöffnete Fahrertür auf den Sitz und betete inständig, die Bremsen mögen funktionieren. Er hatte Glück. Vorsichtig steuerte er um Bäume und Büsche herum und rollte schließlich auf dem Waldweg aus.
Was nun? Er inspizierte noch mal alle Bauteile im Motorraum, die ihm irgendwie bekannt vorkamen, doch brachte dies den Motor nicht wieder zum Laufen. Abschleppservice! Die Freude über den genialen Einfall verpuffte beim Anblick der Verbindungswarnung seines Handys. Natürlich gab es hier draußen kein Netz. Er blickt auf die Karte, versuchte grob seine Position abzuschätzen und fand die nächste Ortschaft etwa zehn bis fünfzehn Kilometer entfernt. Vielleicht lässt sich der Wagen ja ein Stück in die Richtung schieben? Als das Gelände nach ungefähr zweihundert Metern wieder leicht anstieg, gab er schweißgebadet auf.
Schneefall setzte ein, als die Dämmerung hereinbrach. Werners Entscheidung, im Auto zu übernachten oder zu Fuß nach Hilfe zu suchen, erübrigte sich plötzlich im Scheinwerferkegel eines von hinten rasch näherkommenden Fahrzeugs.
„Na, Kumpel, gibt‘s Probleme?“ Die schneidende Stimme hatte etwas Verschlagenes, Hinterhältiges und gehörte dem Fahrer des heruntergekommenen Lkws. Nachdem er die Tür geöffnet hatte und ausgestiegen war, zeigte sich, dass sein pfauenhafter Gang genauso abstoßend war, wie seine Stimme. Aus der Beifahrertür stiegen zwei weitere Männer, der eine war lang und schlaksig und sprach kein Wort. Der zweite war ein eher kleiner, aber kräftiger Typ mit hellen Augen und kahlrasiertem Schädel. Er plapperte munter drauf los: „Nun mach mal dem armen Kerl keine Angst, guck mal, der sieht schon ganz misstrauisch aus. Was haste denn, Kumpel?“ Der Fahrer mit der fiesen Stimme war schlank und drahtig, mit einem ausgemergelten, hohlwangigen Gesicht, nikotingelber, unreiner Haut und einem öligen Pferdeschwanz. Er grinste süffisant, hielt sich aber im Hintergrund, den Ellenbogen auf der Motorhaube seines Lkws abgelegt.
„Na dann mach doch mal die Klappe vorne auf!“ Der kleine Kräftige schaute nach dem Motor, kontrollierte Elektrik und Kabel und überprüfte die Anschlüsse. „Das hier müsste es sein“, verkündete er und führte einen Stecker wieder zurück an seinen Platz. „Probier mal!“ Werner stieg auf den Fahrersitz und betätigte die Zündung. Der Motor sprang sofort an. „Wahnsinn!“ Begeistert stieg er wieder aus dem Fahrzeug, um sich bei dem Mann zu bedanken.
Er sah den Schlag nicht kommen. Ein harter Gegenstand traf Werners Kopf völlig unerwartet und mit voller Wucht. Er prallte gegen die Dachkante seines Autos, knickte weg und schlug lang hin. Der drahtige Typ hatte sich ihm von hinten genähert und einen Stein seitlich gegen den Kopf geschlagen. Die nachfolgenden Schläge und Tritte nahm Werner kaum noch wahr.
Ein Motorengeräusch entfernte sich, dann ein zweites, bis schließlich nur noch Stille war. Zwischen den schwarzen Baumwipfeln, über dem Weg, leuchtete in sanftem Dunkelgrau der Himmel und entließ seine weißen Flocken hinunter in die Nacht.
Ich kann den Schnee knistern hören, dachte Werner, als ihm langsam das Bewusstsein schwand.
Fortsetzung folgt …
Guten Morgen, liebe Leser! Heute geht es gleich nahtlos weiter – Werner hat versucht, ohne Visum die Grenze nach Kasachstan zu überqueren, was ihm eine Festnahme bescherte. Beim Verhör erlebt er deshalb so einige Überraschungen:
Der Offizier sprach wie viele Militärs knapp und präzise. Werner hatte dennoch Mühe, den Fragen zu folgen, denn er rätselte noch immer an einem einzelnen Detail der Begrüßung des Mannes herum. Russische Grenztruppen? Und als er schließlich darauf einging, klang seine Frage unhöflicher, als er eigentlich beabsichtigt hatte: „Und was bitte ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Major Wolkow war ein seriöser Mann und seit über dreißig Jahren als Grenzbeamter tätig. Die lange Erfahrung im Umgang mit schwierigen „Patienten“, wie er problematische Fälle gern bezeichnete, stellte sicher, dass ihn so schnell nichts aus der Ruhe brachte: „Sie haben einen Grenzübertritt ohne Einreisevisum versucht, und mich interessiert nun, warum. Also?“ – „Ich habe in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes nachgesehen, dort steht, man benötigt innerhalb der ersten fünfzehn Tage kein Visum für Kasachstan.“ Der Offizier musterte Werner einen Augenblick lang, dann klopfte es an der Tür. Ein Mitarbeiter brachte Werners Sachen, flüsterte dem Major etwas zu, was dessen Augenbrauen vor Erstaunen zu Höhenflügen veranlasste und verließ gemächlich den Raum.
„Sie können sich wieder anziehen!“ Der Mann reichte Werner seine Kleidung und blätterte derweil im beschlagnahmten Reiseatlas. Er schlug eine Seite auf, drehte sie zu Werner hin und deutete mit dem Finger auf eine Stelle. „Hier ist Mariupol. Von dort sind Sie gekommen. Und nun folgen Sie mal der Strecke.“ Sein Finger glitt an der Route entlang. „Hier ist der Grenzübergang. Und welches Land folgt anschließend?“ Werner schaute ungläubig auf die von oben nach unten verlaufenden Buchstaben und wurde blass. Russland! Er hatte übersehen, dass die Russische Föderation bei Wolgograd noch einen gehörigen Schlenker runter bis nach Georgien machte. Die dünnen Linien der Grenzverläufe waren ihm auf dem kleinen Display seines Handys gar nicht aufgefallen. „Und nun noch einmal – was ist der Grund Ihres Aufenthalts?“
Als Werners Geschichte endete, trug der Major einen äußerst argwöhnischen Gesichtsausdruck zur Schau. Werners Unschuldsmiene erstarb, als der Major ein Bündel mit Geldscheinen auf den Tisch warf. „Das haben meine Mitarbeiter unter Ihren Einlegesohlen gefunden.“ Er holte tief Luft, erhob sich, legte die Arme auf den Rücken und begann, im Raum umherzulaufen. „Und unser Drogenspürhund hat im Inneren Ihres Fahrzeugs angeschlagen. Es wurde zwar nichts gefunden, aber es bedeutet trotzdem, dass sich in dem Auto mal Drogen befunden haben müssen. Vielleicht stammt das viele Geld ja daher? Wissen Sie, wir sind momentan sehr skeptisch gegenüber Besuchern aus dem Westen. Sie haben einen deutschen Pass, fahren ein nicht auf Sie zugelassenes russisches Fahrzeug mit französischen Nummernschildern. Haben mehrere tausend Euro in den Stiefeln versteckt. Drogenspuren im Fahrzeug. Und Sie haben versucht, ohne Visum die Grenze zu übertreten. Wie bitte soll ich das alles nun interpretieren? Handeln Sie mit Drogen? Sind Sie vielleicht ein Agent? Verstehen Sie was ich meine? Unterstützen Sie regierungsfeindliche Organisationen?“
Das brachte Werner gefährlich in Wallung. „Sie meinen oppositionelle Bewegungen?“ fragte er höhnisch zurück. „Und wenn es so wäre? Sie schicken doch auch Ihre Panzer in die Ukraine, als Unterstützung für die Separatisten!“ Er erschrak über sich selbst. War das nicht etwas leichtsinnig? Sei lieber auf der Hut, das kann für dich gefährlich werden!
Der Major nahm wieder Platz. Die Tür öffnete sich und ein Mann in Zivil betrat den Raum, einen Stuhl in der Hand. Er setzte sich wortlos, seitlich von Werner, mit an den Tisch, stützte die Ellenbogen auf und legte sein Kinn auf die Fäuste. Dabei schaute er zwischen den beiden Kontrahenten hindurch an die gegenüberliegende Wand.
Der Major lehnte sich völlig unbefangen zurück und fragte: „Woher haben Sie diese Information?“ – „Na, das steht doch überall in den Zeitungen. Im Fernsehen kommt es auch.“ –„Haben Sie‘s überprüft? Woher wissen Sie, dass es die Panzer tatsächlich gibt?“ Werner war verwirrt. Warum sollte er Nachrichten überprüfen? Wie soll das gehen?
Als ob der Major es aus Werners Gesicht herauslesen konnte, lieferte er gleich nach, und sein zackig-militärischer Sprachstil wandelte sich in die Worte eines Menschen, dessen Gedanken angesichts der bedrohlichen Zukunft von tiefer Sorge erfüllt sind: „Sicher, persönlich hier vorbeizuschauen, ist eine Möglichkeit. Etwas einfacher aber wäre es, auch die Meldungen der Gegenseite zu lesen. Oder im Internet nach weiteren Alternativen zu suchen, die sich auf Nachrichten spezialisiert haben. Wenn je eine Zeit existierte, in der es Informationen im Überfluss gab, dann ist das heute. So können Sie eine Situation von verschiedenen Seiten betrachten, um sie abschließend zu bewerten. Ich selbst lese jeden Tag mehr als dreißig Onlinezeitungen, linke und rechte, russische und amerikanische. Auch ukrainische natürlich. Wussten Sie, dass in der Ukraine in den letzten Jahren nur Großunternehmer an der Macht waren? Die Politik wurde durch mafiöse Clans, korrupte Akteure aus dem Energie- und dem Bankensektor gestaltet, zu deren Gunsten natürlich. Sie kontrollieren die Massenmedien und herrschen über gigantische Wirtschaftsimperien. Darüber haben Sie in Ihren Zeitungen vermutlich nichts gelesen, oder?“
Werner fühlte sich wie ein kleiner Junge, der vom Schuldirektor eine Standpauke erhält. Wie hatte die Zürcher Kellnerin gesagt? Forschen Sie mal im Internet nach, für wen die Konstrukteure dieses privaten Rentensystems früher gearbeitet haben.
Der Major ergriff wieder das Wort: „Haben Sie gewusst, dass die USA fünf Milliarden Dollar für einen politischen Wechsel in der Ukraine investiert haben?“ – „Wer behauptet das?“ fragte Werner trotzig. „Nun, die zuständige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums.“ – „Das haben die selbst gesagt?“ – „Das überrascht Sie? Stand wohl auch nicht in Ihren Zeitungen?“ Der sich ansonsten korrekt und nüchtern verhaltende Offizier konnte sich nun einen Anflug von Häme nicht verkneifen. „Und der amerikanische Präsident selbst hat in einem Fernsehinterview bestätigt, dass die USA aktiv am Putsch in der Ukraine beteiligt waren. Können Sie sich erinnern, so etwas jemals über Russland gehört zu haben?“
Werner konterte sofort: „Die ukrainische Regierung meldete kürzlich, dass bei Kampfhandlungen russische Soldaten festgenommen wurden, die auf Seiten der Separatisten gekämpft haben!“ Der Major parierte kühl: „Und wenn es so wäre? In der Nähe von Logwinowo kämpften polnische, französische, britische und amerikanische Söldner auf der Seite der ukrainischen Truppen. Sie wurden übrigens von den Volksmilizen eingekesselt. Also wo ist da der Unterschied? So ist das nun mal, Krieg ist ein schmutziges Geschäft, leider, möchte ich hinzufügen!“
„Und was ist mit der Krim? Die hat sich Russland ja wohl eindeutig unter den Nagel gerissen, oder anders formuliert – annektiert.“ Der Major seufzte: „Tja, die Krim. Ob man das nun als Annexion oder freie Entscheidung der überwiegend russischstämmigen Einwohner betrachten sollte, darüber mag man sich streiten. Doch ich bin sicher, es wäre allen Beteiligten lieber, wenn das nicht nötig gewesen wäre. Spielen Sie Schach?“
Werner versuchte krampfhaft herauszufinden, worauf die Frage wohl hinauslief. Der Major redete bereits weiter: „Die Politik des Westen hat die Situation hier gefährlich verschärft. Unser Verhältnis zur Ukraine war nie besonders gut, doch der von euch unterstützte Putsch hatte die Lage hier erst wirklich explosiv gemacht.“
Werner fasste sich wieder und fragte: „Wer ist euch? Ich habe damit nichts zu tun. Ich interessiere mich auch nicht sonderlich für Politik.“ Die offenherzige Kellnerin aus Zürich kam ihm erneut in den Sinn – Parteien, die den ganzen Mist eingebrockt haben, werden trotzdem immer wieder gewählt.
„Vielleicht wäre es aber besser, wenn Sie sich mal für Politik interessieren“, unterbrach der Major Werners Erinnerungen. „Also, was ist nun, spielen Sie Schach?“ – „Ich weiß, wie die Figuren bewegt werden, aber Strategie ist nicht so meine Stärke.“ Der Major schüttelte verständnislos den Kopf: „Am besten wäre es, keine der Seiten berührt die Figuren. Dann kann zwar keiner gewinnen, aber auch keiner verlieren. Doch wenn eine Seite einen Zug macht, muss die andere reagieren. Sie können offensiv oder defensiv spielen. Aber am Ende müssen Sie ziehen, die Figuren des Gegners schlagen, sonst verlieren Sie das Spiel. In den letzten fünfundzwanzig Jahren, nach dem Ende des kalten Krieges, hat sich die NATO entgegen den Vereinbarungen vom Frühjahr 1990 immer weiter nach Osten ausgedehnt. Heute wird darüber nachgedacht, die Ukraine mit aufzunehmen, in unseren Nachbarländern finden NATO-Manöver bedrohlich dicht an der Grenze zu Russland statt. Das ist für uns ein höchst beunruhigender Zustand! Und in Polen sollen Abwehrraketen stationiert werden.“ – „Die sind doch nicht gegen Russland, sondern gegen den Iran gerichtet“, warf Werner ein. „Haben Sie‘s überprüft?“ fragte der Major zurück. Er blätterte erneut im Reiseatlas, drehte ihn zu Werner hin und tippte auf eine Übersichtskarte. „Hier ist der Iran. Wenn dessen Raketen angeblich Europa bedrohen“, dabei grenzte er mit beiden Händen den Kontinent von Lissabon bis Moskau ein, „was meinen Sie wäre dann wohl der günstigste Ort, um Abwehrraketen aufzustellen, die ganz Europa schützen könnten?“ Werner betrachtete die Lage interessiert, dann gab er kleinlaut zu: „Tatsächlich, Sie haben recht! Die Türkei wäre ein viel besserer Standort, wenn man die Raketen möglichst frühzeitig abfangen möchte. Und Polen wäre“, er schaute die umliegenden Länder und die weite Entfernung zum Iran an, „nun ja … eher gar nicht geeignet.“ – „Richtig! Und zudem ist auch die Türkei NATO-Mitglied, es sollte eigentlich keine Schwierigkeiten geben. Was haben Sie daraus nun gelernt?“ Der Major lieferte die Antwort gleich nach: „Überprüfen Sie‘s! Hinterfragen Sie alles! Glauben Sie nicht mir, glauben Sie auch nicht den Medien, weder Ihren noch unseren. Machen Sie sich immer Ihr eigenes Bild!
Und nun noch mal zur Krim. Sie ist strategisch sehr wichtig für uns. Eine vorgelagerte Halbinsel, die von außen schwer anzugreifen, dafür aber gut zu verteidigen ist. Und ein praktisch unsinkbarer Flugzeugträger. Dort liegt unsere Schwarzmeerflotte, sie garantiert uns einen schnellen Zugang zum Mittelmeer über Istanbul. Wir könnten sie auch nach Noworossijsk verlegen, aber das liegt bereits 500 Kilometer weiter östlich. Zur Abwehr eines NATO-Angriffes auf Russland ist die Lage der Krim geeigneter. Unsere Truppen könnten von dort aus feindliche Armeen besser von mehreren Seiten in die Zange nehmen. Ihr Deutschen habt doch selbst den Kessel von Stalingrad erlebt. Für so etwas ist eine Halbinsel wie die Krim ideal.“ Dabei tippte er auf die Karte und klappte dann den Atlas wieder zu.
„Wir hätten am vorherrschenden Status Quo niemals gerüttelt, aber die westliche Intervention in der Ukraine hat uns leider keine Wahl gelassen. Das meinte ich mit dem Schachspiel. Der Westen hat einen Zug gemacht, den wir nicht unbeantwortet lassen konnten, sonst hätte uns das in eine noch schwierigere Lage gebracht. Jetzt ist der Westen nicht zufrieden mit dem Ergebnis und jammert herum, wie ein Schulhofschläger, der überraschenderweise selbst eins auf die Mütze gekriegt hat und nun damit nicht fertig wird. Ihr mit euren ganzen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen! Mischt euch in die Geschicke anderer Staaten ein wie Amateure, die Monopoly spielen! Dabei gäbe es in euren eigenen Ländern genug zu tun! Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalt. 35 Millionen Amerikaner sind vom Hunger bedroht und würden ohne Suppenküchen nicht überleben! Haben Sie das gewusst? Das ist doch totaler Irrsinn! Die amerikanische Regierung bringt nicht nur Menschen in anderen Ländern um sondern auch ihre eigenen.“ In seiner Stimme lag jetzt schneidende Verachtung und maßlose Enttäuschung.
„Und jetzt stellen Sie sich das Ganze zum besseren Verständnis mal umgekehrt vor: Der Sozialismus hätte vor fünfundzwanzig Jahren gesiegt und die Staaten des Warschauer Vertrags hätten sich nach Westen bis Mittelamerika ausgedehnt, Kuba und Mexiko integriert. Hätten in Kanada einen Putsch unterstützt und würden nun an der kanadisch-amerikanischen Grenze Abwehrraketen gegen iranische Angriffe installieren.“ Bei dem Gedanken musste nun auch Werner verlegen lächeln. Der Major vervollständigte das verstörende Szenario mit der Frage: „Was glauben Sie, wie würden die USA wohl reagieren?“
Doch in Werner erwachte schon wieder der Rebell. Ihm brannte noch eine Frage auf der Zunge, er rang mit sich, ob er es riskieren sollte, sie zu stellen. Der Major schien ihm das anzusehen und fragte: „Was wollen Sie?“ Werner nahm seinen Mut zusammen, ein letzter Aufstand: „Und was war mit Tschetschenien?“
Der Offizier zuckte nur kühl mit den Schultern: „Da haben Sie so ein teures, hochmodernes Mobiltelefon mit superschneller Internetanbindung an das gesamte Wissen der Menschheit in der Jackentasche und trotzdem fragen Sie mich? Warum soll ich Ihnen jetzt die Welt erklären? Finden Sie‘s gefälligst selbst raus!“
Fortsetzung folgt …
Ich verstehe überhaupt nicht, warum die EU-Befürworter etwas gegen geschlossene Grenzen haben, das Überschreiten von Grenzen macht doch Spaß! Aller guten Dinge sind drei, noch besser sind jedoch fünf, darum machen wir heute gleich mit dem Grenzübergang zwischen der Ukraine und den von den Separatisten, auch bekannt unter der Bezeichnung „Freiheitskämpfer“, separierten/befreiten Gebieten sowie den zwei folgenden Übergängen weiter:
Werner erzählte kurz seine nächsten Ziele auf, ließ aber die Wette und die Gewinnsumme, um die es ging, lieber weg. „Und mit dem Flugzeug wär‘s nicht vielleicht etwas leichter gewesen? Ihre Sorgen möchte ich haben!“ Er gab die Papiere zurück. „Ich will Ihnen keine Vorschriften machen, aber ich würde dort nicht rüberfahren. Die sind alle verrückt, verdammte Verräter. Wollen unser Land spalten!“ Dann ließ er Werner passieren.
Nach wenigen hundert Metern erreichte er die Straßensperre der Gegenseite. Angesichts des bunten Blumenstraußes an Weltmännischkeit, den Werner mit sich führte, entwickelte sich der Weg zur Erkenntnis, den der Posten durchlief, ähnlich wie bei seinem Kollegen zuvor. Der Versuch, auch das Wageninnere zu inspizieren, wurde plötzlich unterbrochen. Von Westen her wehte ein leiser, dumpfer Schlag herüber, der in einem schrillen Pfeifen mündete. Die Männer des Kontrollpostens fielen zu Boden, als hätte man ihnen das Skelett geraubt. Dann gab es einen heiseren Knall in knapp dreihundert Metern Entfernung.
Die Granate versprühte Dreck, Erde und Metall in die Umgebung. Werner saß auf seinem Sitz wie versteinert, selbst als ein paar Klümpchen auf seine Dachplane prasselten. Die Männer sprangen auf, ein paar liefen zu dem hinter Sandsäcken verborgenen Granatwerfer, hantierten kurz an den Einstellungen und erwiderten den unerwarteten Gruß mit einem lauten Knall. Der Posten schrie Werner an: „Verschwinden Sie hier, los jetzt!“
Ein Ortsschild, Shyrokyne. Kalter Rauch. Verkohlte Holzbalken, die sich aus Ruinen gen Himmel reckten. Der Brandgeruch wandelte sich zunächst in leicht süßliche, dann immer fauliger riechende Ausdünstungen, die Werner die Luft zum Atmen raubten. Er hielt sich die Nase zu und versuchte, durch den Mund zu atmen, doch die Vorstellung, dass die widerwärtigen Moleküle, die eben noch in dem gesteckt hatten, was diesen bestialischen Gestank erzeugte, nun in seinen Körper eindrangen, verursachte heftige Übelkeit. Tränen liefen über sein Gesicht, sein Magen rebellierte, er war kurz davor, sich zu übergeben oder zu ersticken. Er drückte das Gaspedal durch, schnell weg hier! Ein Gehöft zog vorbei, dahinter wurde die Luft schlagartig besser. Werner hielt am Straßenrand, riss die Türen auf und sprang aus dem Fahrzeug.
Tief durchatmen! Langsam legte sich die Übelkeit. Er blickte zurück zu dem Gehöft und lief zögern ein paar Schritte darauf zu. Der Wind blies entgegen seiner Fahrtrichtung und wehte den Gestank jetzt von ihm weg. Er näherte sich vorsichtig, dann entdeckte er die Ursache: Aus einem bis auf die Grundmauern niedergebrannten Stall verbreitete das getötete Vieh einen bestialischen Verwesungsgeruch. Wahrscheinlich schlug eine einzelne Granate durch das Dach, denn an einer Stelle waren die Tiere zerfetzt und zerrissen, ein paar Meter weiter einfach nur umgefallen und angesengt. Werner hatte die Luft angehalten, doch nun rang er erneut nach Atem, die Übelkeit kehrte zurück. Er rannte zum Auto und machte, dass er wegkam.
Die meisten Häuser waren mit Einschüssen übersät, Dächer und Fassaden durchlöchert. Das Dorf war menschenleer, nur auf den Trümmern einer ärmlichen, halb zerstörten Holzhütte standen eine Handvoll alter Frauen und Männer, im Schutt nach Habseligkeiten suchend. Als sich das Fahrzeug ihnen näherte, schauten sie herüber. Im Vorbeirollen konnte Werner die leidgeprüften Züge ihrer Gesichter sehen. Jedes einzelne traurige Erlebnis ihres irdischen Daseins hatte seine Spuren hinterlassen, wahrscheinlich war das nicht der erste Krieg, den sie erlebten.
Sie kommen auch ohne mich zurecht, beruhigte er sich. Dann stieg Scham in ihm auf, er sah sich in Paris auf der Récamière seiner Luxuswohnung liegen, die Sonnenstrahlen genießend. Ich kann doch nicht die ganze Welt retten! Er bereute den Gedanken sofort. Hatte er nicht Renata reichlich beschenkt? Immerhin besaß sie noch eine Wohnung! Diese Menschen hier hatten offensichtlich gar nichts mehr. Und wieso eigentlich gab er Renata soviel Geld? Zweitausend Euro, einfach so? Spiegelten sich darin nicht vielleicht doch irgendwelche insgeheim gehegten Wünsche und Hoffnungen ihr gegenüber? Hätten nicht 200 Euro auch gereicht?
„Verdammt noch mal!“ Er hielt am Straßenrand an, zog seinen rechten Stiefel aus, suchte 2000 Euro unter der Sohle hervor, zog sich wieder an, legte den Rückwärtsgang ein und schoss die gut hundert Meter zurück. Das auffällige Fahrmanöver war nicht unbemerkt geblieben. Die Gruppe stand reglos da, in Erwartung des vermeintlichen Unheils, das nun wieder über sie hereinbrechen sollte. Der fremde Mann, der da aus dem Militärjeep ausstieg, auf sie zuging, der ältesten Frau viel Geld in die Hand drückte und wortlos wieder verschwand, entsprach jedoch so gar nicht ihren Befürchtungen, sodass sie sich zunächst keinen Reim auf das Geschehen machen konnten und es nur stumm und ratlos ertrugen.
Kurz hinter dem Ort musste Werner auf einen leeren Acker ausweichen, da mehrere Granattrichter die Straße unpassierbar gemacht hatten. So sieht also ein Bürgerkrieg aus, wenn man ihn mit eigenen Augen entdeckt, statt nur in den Nachrichten! Dann bog er wieder auf die Straße und erreichte bald den Grenzübergang nach Kasachstan.
Vor ihm standen mehrere Lkws mit Sattelauflieger an der Abfertigung. Sieh mal an, hier ist Krieg, aber die Geschäfte gehen trotzdem weiter. Hoch über dem Grenzposten wehte die Flagge Russlands, der östliche Fahnenmast war leer. Da haben die Separatisten ja nicht all zu viel Zeit verloren, mit der politischen Neuorientierung, urteilte Werner. Obwohl das ukrainische Kontrollhäuschen nicht besetzt war, dauerte es über drei Stunden, bis er endlich an die Reihe kam. Der Posten ließ sich die Papiere zeigen, stolperte bei deren Durchsicht aber über dieselben Ungereimtheiten wie schon seine Kollegen zuvor. Nur diesmal bereichert durch ein winziges, aber äußerst schwerwiegendes Detail: „Und Ihr Visum?“
Fortsetzung folgt …
Heute nehmen wir die dritte Etappe in Angriff: Zum Abschied zwischen Werner und Renata kommt es fast noch zu einem Missverständnis, das Werner jedoch schnell aufklären kann. Er durchquert als nächstes Rumänien, ein Land von dem er keinerlei Vorstellungen hat, außer seine über die Jahre gewachsenen Vorurteile. Werner übernachtet im Auto, wird von Bauarbeitern geweckt, muss einer Pensionswirtin erklären, warum er nebenan im Auto übernachtete und realisiert zum ersten Mal ganz bewusst, welche Auswirkungen das schmutzige Geschäft seines Vaters auf andere Menschen hat. Eine bittere Erkenntnis, die ihn einige Tage später noch einmal schmerzhaft überwältigen wird und ihn mit seinen schlimmsten, lange verdrängten Kindheitserinnerungen konfrontiert. Ein moldawischer Grenzbeamter macht Werner wegen seines Autos Schwierigkeiten:
Der Zollbeamte studierte ausgiebig Reisepass, Führerschein und die französischen Zulassungspapiere des Fahrzeugs und machte einen unerfreuten Eindruck. „Da passt ja überhaupt nichts zusammen. Ich kann Ihren Name nicht auf der Zulassung finden.“ – „Der ist auch nicht auf mich zugelassen, er gehört einem Freund …“, Werner legte sich den Namen „Jean“ auf der Zunge zurecht, als er auf dem amtlichen Papier mit dem Zeigefinger die entsprechende Spalte suchte. Inès Bertrand. Wer zum Teufel war Inès Bertrand? Jean hatte sich anscheinend nicht die Mühe gemacht, das Fahrzeug umzumelden, und nun stand ein völlig fremder Namen in dem Dokument. „… oder … äh … genauer gesagt, er gehört der Freundin eines Freundes.“
Werner kam jetzt ziemlich ins Schleudern. Freundin eines Freundes? Noch unglaubwürdiger ging es wohl kaum! Hitzewellen rollten aus der Magengegend hinauf bis in den Kopf und trieben ihm den Schweiß auf die Stirn.
„Sie haben also keine Vollmacht für die Benutzung dieses Fahrzeugs?“ – „Doch, habe ich natürlich, nur … halt nicht … schriftlich“, stotterte Werner. Der Beamte schob seinen massigen Körper mit strengem Blick hinter dem Schalter hervor und ging nach draußen, um das Fahrzeug in Augenschein zu nehmen. „Na wenigstens stimmen die Nummernschilder“, meckerte er herum. „Trotzdem, woher soll ich wissen, ob die Karre wirklich Ihnen gehört?“ – „Mir gehört sie ja nicht, das wissen wir doch schon.“ Werner hatte die Fassung wiedergefunden. „Jaja, sicherlich“, eierte nun der Beamte herum, „aber woher soll ich wissen, ob Sie das Auto nicht geklaut haben?“ – „Wirklich? Das alte Ding? Der Wagen ist dreißig Jahre alt! Sehe ich aus, als würde ich Oldtimer sammeln?“ fragte Werner amüsiert.
Der Beamte wurde nun sauer: „Sie wollen nicht wirklich wissen, was ich denke, wie Sie aussehen! Schluss jetzt, das Fahrzeug bleibt hier, besorgen Sie sich eine amtlich beglaubigte Vollmacht, dass Sie das Auto benutzen dürfen.“ Er blickte Werner triumphierend in die Augen. Doch dem war das Ganze bereits völlig egal. Er schaute noch einmal zu seinem dunkelgrünen, treuen Begleiter hinüber, dann holte er seine Tasche aus dem Fond und erwiderte kühl: „Na schön, dann bleibt es eben hier. Ich kann auch zu Fuß weitergehen und mir ein neues Auto kaufen. Alles Gute!“ Er drehte sich um und schickte sich an, den Kontrollbereich zu verlassen.
Hinter seinem Rücken hub plötzlich furchtbares Gezeter an: „Bleiben Sie gefälligst hier, Sie Halunke, das fehlte noch, wo gibt‘s denn so was?“ Der Zollbeamte stand breitbeinig und mit erhobener Faust herumfuchtelnd neben dem Fahrzeug und schrie: „Das hätten Sie wohl gern, dass Sie Ihre Schrottkarre hier entsorgen dürfen, was? Und wir müssen uns dann darum kümmern! Das können Sie vergessen!“ Schimpfend begab er sich wieder hinter seinen Schalter, fingerte eine Vignette aus seiner Mappe und rief: „Das kostet Sie zehn Euro, her damit! Und jetzt verschwinden Sie!“
Den Trick muss ich mir merken, notierte Werner sich ins Gedächtnis.
Doch so richtig haarig wird es für Werner erst am nächsten Grenzübergang zwischen Moldawien und der Ukraine. Da wird er nämlich leider erschossen. Oder etwa doch nicht?
Hinter dem Grenzübergang studierte Werner die Karte nach dem günstigsten Ziel für die Fortsetzung seiner Reise und entdeckte Odessa als ihm bekannten Namen. Er gab den Ort in die Navigation seines Handys ein und stellte erfreut fest, dass er noch vor Mitternacht dort sein könnte. Im Gegensatz zum Vorabend fühlte er sich heute frisch und, angestachelt durch die glückliche Wendung in der Zollbaracke, auch voller Tatendrang. Übermütig trat er das Gaspedal bis zum Boden durch, dennoch zuckelte der Motor eher gemütlich vorwärts. Am Anschlag bei 120 blieb die Tachonadel stehen, man hatte zwar den Motor aufgerüstet, die Instrumente hingegen beibehalten. Das obligatorische Hinweisschild auf die Verkehrsregeln des besuchten Landes kurz hinter dem Grenzübergang bremste Werners Übermut gleich wieder aus, noch eine Konfrontation mit der Staatsmacht wollte er lieber vermeiden. Auch die Dunkelheit und die müde vor sich hin glimmenden Scheinwerfer leisteten ihren Beitrag, sodass sich die Geschwindigkeit letztendlich bei unverdächtigen 70 Kilometern pro Stunde einpendelte.
Außerhalb des Wagens war es mittlerweile stockduster, nirgends auch nur ein einziges Licht zu erkennen. Die Landschaft schien sich wieder flach und weit auszudehnen, soweit das an den knapp zu erkennenden Feldrändern zu erraten war. Erst die kleinen Dörfer links und rechts der Straße brachten wieder etwas mehr Licht ins Dunkel, wenn auch nur durch die Zimmerbeleuchtung, welche behaglich durch die Fenster nach außen schien. Die Straßen selbst hatten keine Laternen, und so war es einerseits den im Scheinwerferlicht aufleuchtenden Augen, andererseits auch dem Glück zu verdanken, dass nichts unter die Räder kam. Denn die freilaufenden Hunde und Katzen in den Ortschaften waren meist schon von Weitem zu erkennen, der einsame Waschbär jedoch, der Werners Weg kreuzte, verdankte sein Leben der einen Zehntelsekunde, die er schneller war als das Auto, denn Werner sah ihn erst im letzten Moment rechts am Vorderrad vorbeiflitzen, als es für jede Reaktion bereits zu spät war.
Mit Tiraspol erreichte Werner die erste größere Stadt, von geringer Ausdehnung zwar, dafür aber mit den großen und repräsentativen Gebäuden, die eine Stadt ausmachen und die sehr an sowjetische Zeiten erinnerten, zumindest was Baustil und kyrillische Aufschriften anging. Bis Odessa war der Weg jedoch nicht mehr weit, darum verzichtete Werner auf eine genauere Inspektion und ließ die Stadt hinter sich.
Die Grenze sollte jeden Augenblick in Sichtweite kommen, er starrte angestrengt durch die Frontscheibe, dann endlich tauchte im Scheinwerferkegel ein spärlich beleuchteter Platz mit zwei winzigen Bretterbuden auf. Daneben standen Männer in verschiedenfarbigen Uniformen. Werner rollte langsam heran.
Es waren moldawische und ukrainische Grenzbeamte, die sich lachend unterhielten und miteinander diskutierten. Den nächtlichen Besucher in militärischem Dunkelgrün beachteten sie gar nicht. Werner hielt ein paar Sekunden an, erwartungsvoll zu den Beamten hinüberblickend, dann ging er davon aus, damit der Höflichkeit hinreichend Genüge getan zu haben und fuhr langsam davon.
Die Grenzbeamten schauten erstaunt und ungläubig dem fliehenden Militärfahrzeug hinterher. Angesichts von soviel kaltschnäuziger Frechheit und Mangel an Respekt musste ein Exempel statuiert werden, damit durfte er nicht durchkommen! Sie griffen nach ihren bereitstehenden Maschinenpistolen und jagten den Inhalt ihrer Magazine dem in der Ferne verschwindenden Fahrzeug hinterher. Wie Laserstrahlen durchschnitt die Leuchtspurmunition die Nacht und suchte sich ihr Ziel. Die ersten Geschosse platterten in die blecherne Rückwandklappe des Fahrzeugs, direkt über der Stoßstange. Die Schützen hatten ihre Gewehre anscheinend noch nicht richtig ausgerichtet. Die nächste Salve durchdrang mühelos die Dachplane, zersägte Scheiben und Rahmen zu rasiermesserscharfen Splittern, welche derart beschleunigt den Innenraum in eine grauenhaft tödliche Falle verwandelten. Weitere Geschosse durchschlugen die Rückbank und zerfetzten die Vordersitze, ließen Knochen zersplittern und Gefäße zerreißen. Blutfontänen spritzten pulsierend meterweit aus dem geschundenen, durchlöcherten Körper. Werner spürte, wie sich sein von Schrapnellen perforierter Schädel in Strömen von Blut allmählich vom Rumpf trennte und noch im Fallen begriffen von nachfolgenden Projektilen zerschmettert und zerstäubt wurde, während seine Gedanken und Erinnerungen in den unterschiedlichen Gehirnarealen voneinander Abschied nahmen, als kleine graue Klumpen umherflogen und der Redewendung ,total zerstreut sein‘ eine ganz neue Bedeutung verliehen.
„Ich sollte weniger Horrorfilme gucken, das ist ja gruselig“, raunte Werner grimmig und setzte seinen Weg ungehindert fort.
Fortsetzung folgt …
Und weiter geht’s: Werner übernachtet in Zürich und hat am nächsten Morgen eine interessante Diskussion mit einer deutschen Landsmännin, die aufgrund der repressiven Arbeitslosenpolitik Deutschland verlassen hat und nun glücklich in der Schweiz lebt. In Österreich trifft er in einem Restaurant einen alten Mann, der wehmütig auf alte Zeiten zurückblickt, über den Verfall der Gesellschaft sinniert und die immer mehr um sich greifende Dummheit anprangert.
Schließlich erreicht er Budapest, wo er Renata, eine scheue junge Frau kennenlernt:
Glücklich und befreit sah Werner sich um. Das war eine Stadt ganz nach seinem Geschmack. Er brauchte die Weite zum Glücklichsein, dicht zusammenstehende Gebäude, enge Gassen und winzige Täler inmitten hoher Berge empfand er als bedrückend. Doch hier ließ es sich leben.
Werners ausgelassene Stimmung war ihr nicht verborgen geblieben. Die junge Frau stand ein wenig abseits, beobachtete ihn unauffällig und versuchte ihn einzuschätzen. Unschlüssig und zögernd näherte sie sich. „Szia! Sie sind wohl nicht von hier?“ Selbst erschrocken über ihre eigene Forschheit machte sie sogleich wieder zwei Schritte zurück. „Ich komme aus Wien. Das heißt, eigentlich komme ich aus Paris.“ – „Ganz allein, ohne Familie? Oder Freunde?“ Sie hatte sich wieder einen Schritt nach vorn gewagt. „Meine Freunde … tja …“ In Gedanken sah er Béatrice vor sich, wie sie zusammengesunken Jeans Standpauke über sich ergehen ließ. „Nein, ich bin allein hier.“ – „Wollen Sie länger bleiben?“ – „Vermutlich nicht, vielleicht zwei Tage, eher nur einen.“ Sie schaute nun ebenfalls auf den Fluss. Dann fand sie, es sei vielleicht angebracht, sich erst einmal vorzustellen. „Ich heiße Renata.“ Sie streckte Werner die Hand entgegen, ihr Griff war leicht und scheu. So schnell wie die Hand erschien, verschwand sie auch wieder. „Und ich bin Werner.“ – „Das ist ein deutscher Name, nicht wahr? Was machen Sie in Frankreich?“ Werner zögerte, sie war eine Fremde. Warum führten sie diese Unterhaltung? Sie wollte irgendetwas Bestimmtes, das konnte sie trotz ihrer Zurückhaltung nicht verbergen. Der unstete Blick, die nervöse Gestik …
Werner versorgte sie mit ein paar Einzelheiten. „Wegen der Liebe sind Sie dort geblieben?“ Sie schien erleichtert. „Haben Sie schon ein Hotel? Ich habe in meiner Wohnung ein freies Zimmer. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich … bin arbeitslos und bekomme schon lange kein Arbeitslosengeld mehr. Nur ein wenig Sozialhilfe, und die reicht leider nicht weit. Hotels sind auch viel teurer“, jetzt hatte ihre Stimme fast einen flehenden Unterton, „Sie müssen mir nicht viel bezahlen, helfen Sie mir nur ein wenig, zu überleben. Bitte!“
Werner musterte die Frau von oben bis unten, er war misstrauisch. Sie war etwas kleiner als er, hatte langes, lockiges, dunkles Haar, braune Augen und war anständig gekleidet. Sie wirkte ehrlich und seriös, daher fragte er: „Wo wohnen Sie denn?“ – „Nicht weit von hier, in der Zichy Jenő utca, nahe dem Oktogon. Haben Sie ein Auto? Das können Sie gegenüber auf einem bewachten Parkplatz abstellen.“ Werner lächelte. „Ich glaube, das klaut keiner.“ Als sie es sah, verstand sie.
Die Zichy Jenő utca war eng und dunkel, die meisten Häuser alt und unsaniert. In einer kleinen Lücke zwischen zwei Gebäuden standen auf erdigem Untergrund eine kleine Baracke und mehrere Fahrzeuge der mittleren und gehobenen Preisklasse. „Hier können Sie es abstellen, die Baracke ist immer besetzt, die passen auf. Haben Sie Forint? Nein? Dann geben Sie ihnen zwei Euro, das reicht für vierundzwanzig Stunden.“
Der junge Mann in der Baracke sah aus wie ein Südosteuropäer, vielleicht rumänischer Abstammung, hatte schmutzige Hände und machte auch sonst keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Doch er lächelte höflich, freute sich über die fünf Euro und rief Werner hinterher: „Alles okay, kein Problem, kein Problem!“
Werner folgte Renata in das gegenüberliegende Gebäude, das ebenso alt war, wie die umliegenden Häuser, wenngleich der aufwendige Stuck und der Putz nicht ganz so schwer in Mitleidenschaft gezogen waren. Sie durchquerten das Vorderhaus und gelangten in einen kleinen Hof, dessen weiße Wände so früh am Nachmittag trotz der tiefstehenden Herbstsonne noch hell erleuchtet waren. Die Aufgänge von Vorder- und Hinterhaus wurden durch Laubengänge auf den einzelnen Etagen miteinander verbunden. Und die alten Treppenhäuser mit ihren schmiedeeisernen Geländern nötigten den Besuchern mit ihrer altehrwürdigen Bauweise und der trotz Renovierung nicht zu übersehenden Patina aus unzähligen Jahrzehnten Respekt ab. Wie viele Menschen mögen diese Stufen bereits erklommen haben? Welch spannende Schicksale verbargen sich hinter jeder Spalte des rissigen Holzes, hinter jeder Kerbe an den Wänden? In der vierten Etage wies Renata auf eine Tür und öffnete sie.
Ein langer Flur mit niedrigen Wänden. Dahinter das Wohnzimmer, die Wände deutlich höher, sanfte, warme Farben über einem dunklen, glänzenden Parkett in Fischgrätmuster. Die alten, leichten Möbel stammten dem Anschein nach vom Flohmarkt, doch sie waren mit Geschmack und Feingefühl stilsicher aufeinander abgestimmt.
Renata lächelte verlegen, so als wollte sie sich für das keinem Hotelstandard genügende Ambiente entschuldigen. Aber Werner gefiel es. Es war gemütlich und ruhig, nur das Zwitschern der Vögel auf den Dächern drang durch das geöffnete Fenster und erfüllte den Raum. Er nickte ihr lächelnd zu: „Okay, wie viel wollen Sie dafür?“ – „Wären 2000 Forint angemessen? Das sind etwa sechs Euro.“ Werner lachte: „Die sollen Sie haben!“ – „Sehr gut!“ Erfreut öffnete sie eine weitere Tür und wies mit der Hand hinein: „Hier ist Ihr Schlafzimmer. Und dort können Sie Ihre Sachen hineinlegen.“ Sie klappte die Türen eines alten Bauernschrankes auf. Das dunkle Holz passte zu den restlichen Möbeln im Wohnzimmer. Das Bett war recht schmal und offensichtlich nur für eine Person gedacht. „Tut mir leid, die Möbel sind nicht der letzte Schrei, ich weiß. Sie stammen noch von meinen Großeltern.“ Sieh mal an, also nicht vom Flohmarkt! Doch schon unterbrach Renata seine Gedanken: „Unsere ganze Familie hat zusammen auf dem Land gelebt. Daher waren meine Großeltern auch wichtige Bezugspersonen für mich. Sie haben mich mit aufgezogen und mir alles beigebracht. Ich kann sehr gut kochen! Haben Sie schon was gegessen?“
Sie hätte das lieber nicht ansprechen sollen, denn sofort wurde sich Werner seines knurrenden Magens bewusst. „Also jetzt wo Sie‘s sagen – nein, und ich habe mächtig Hunger!“ Sie lachte. „Sehen Sie, man muss auch was essen, ich koche uns etwas, einverstanden? Es dauert auch gar nicht lange. Unten gibt es ein gutes Lebensmittelgeschäft, ich bin gleich wieder hier!“ Kaum ausgesprochen, huschte sie schon den Laubengang vor dem Hoffenster entlang. Werner nutzte ihre Abwesenheit und schaute sich interessiert um. Die Wohnung war eigenartig geschnitten, vom Wohnzimmer führte noch eine Treppe nach oben zu einem weiteren Raum, der wohl der Grund war für den niedrigen Flur. Die Tür am Ende der Treppe hatte ein kleines Milchglasfenster, übersät mit einem Muster aus Sternen, durch die man hindurchschauen konnte. Werner wollte die Tür nicht öffnen, doch die Neugier ließ ihn durch einen der Sterne blinzeln. Der Raum war klein und karg, nur ein altes Armeefeldbett mit Nachtschrank, darauf ein paar gerahmte Schwarzweißfotos.
Werner stieg die Treppe wieder hinab. Vom Wohnzimmer gingen noch zwei weitere Türen ab, die eine führte in ein spartanisch eingerichtetes Badezimmer, hinter der anderen verbarg sich ein winziger Raum mit Toilette. Im Gegensatz zum Badezimmer gab es hier sogar ein Fenster mit einer vor fremden Blicken schützenden Gardine. Werner öffnete das Fenster und traute seinen Augen nicht. Er blickte in einen weniger als zwei mal zwei Meter umfassenden Lichtschacht, der vom Dach des Hauses bis zum Boden reichte. „So was hab ich ja noch nie gesehen“, entfuhr es ihm unwillkürlich.
Sein Handy klingelte. „Wérnér, wie geht‘s dir? Wo bist du? Tatsächlich? So weit schon? Da hast du dir ja nicht viel Zeit gelassen! Und ich habe eine kleine Nebenwette mit Julian verloren, der meinte, du kennst Zürich schon und würdest dort nicht länger bleiben. Ich dachte eher, du würdest dort ein paar Tage rasten, eben weil du es schon kennst. Na gut, 5000 Euro weniger, was soll‘s. Budapest also. In welchem Hotel wohnst du denn? Chic und edel? Im Four Seasons vielleicht? Ach nein … privat? Echt? Sie hat dich angesprochen? Aaach … du Aufreißer! Und, wirst du sie …? Okay-okay, entschuldige. Sophie? Nein, hat sich nicht …, nein, sie war auch nicht hier. Okay, meld‘ dich mal, bis bald! Pass auf dich auf! Salut!“ Jean legte auf.
Werner war ungehalten. Was denkt der sich eigentlich? Dass ich hemmungslos alles vernasche, was mir über den Weg hoppelt? Er schüttelte den Kopf.
Draußen war die Tür zu hören, Renata kam zurück. „Hier, ganz frische Zutaten. Ich mache Pörkölt. Dauert normalerweise etwas länger, aber meine Nagymama hat mir ein paar Tricks gezeigt. Die werden allerdings nicht verraten!“ Sie lachte fröhlich, zog am Ende des Wohnzimmers einen unscheinbaren Vorhang beiseite, hinter dem sich eine einfache, kleine Küche verbarg und begann sogleich mit der Zubereitung. Dabei offenbarte sie ein beeindruckendes Geschick, und tatsächlich – nach gut einer Stunde stand das Essen auf dem Tisch.
„Mhmm … köstlich!“ Renata beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, mit einem schelmischen Zug um den Mund. Das Gulasch war tomatig-würzig und, wie Werner erst nach ein paar Bissen feststellte, höllisch scharf. Erst machte er ein überraschtes Gesicht, dann schnappte er nach Luft, mit Tränen in den Augen. Jetzt lachte Renata lauthals auf und klatschte sich auf die Oberschenkel. „Tut mir leid, vielleicht hätte ich Sie warnen sollen! Sie müssten sich jetzt mal sehen.“ Nun hatte auch sie Tränen in den Augen, allerdings vor Lachen. „Eine … Warnung“, japste Werner, „wäre … nicht … schlecht … gewesen.“ Sie stand auf, holte ihm ein Glas Milch und etwas Brot. „Nehmen Sie das dazu, das beruhigt die Geschmacksnerven.“ Tatsächlich ließ die Schärfe etwas nach, und als Werner sich wieder gefangen hatte, konnte auch er wieder lachen. „Sie wollten mich wohl vergiften?“ scherzte er.
Renata nahm nur kleine Bissen, vermischt mit etwas Brot und hatte anscheinend keine Probleme. „Meine Nagymama hat immer gesagt, scharf ist gut, das tötet die Bakterien. Das sei sehr wichtig, wenn man kein sauberes Trinkwasser hat. In Indien beispielsweise wird sehr scharf gegessen. Sogar schärfer als ich es vertrage!“ Sie grinste und erzählte: „Ich wurde mal in ein indisches Restaurant hier in der Nähe eingeladen. Dort gab es einen kleinen Extratisch mit einem Schildchen und der Aufschrift ,spicy‘. Das sollte man besser ernst nehmen, denn wenn Inder ,spicy‘ schreiben, dann meinen die das auch so!“ Sie lachte wieder.
Werner hatte sich tapfer durch das Essen gekämpft und trank den Rest seines Milchglases leer. Auch von dem Brot ließ er nichts übrig. Es war weich und aromatisch, ein echtes Bäckerbrot, nicht so ein geschmackloses Stück Pappe vom Fließband.
„Puh, ich glaube, ich brauche jetzt erst mal etwas frische Luft!“ – „Waren Sie schon mal in Budapest? Nein? Wie wär‘s mit einem kleinen Stadtbummel? Ich zeige Ihnen alles, was Sie kennen sollten. Kommen Sie!“
Menschen, die auf dem Land aufwachsen, haben oft eine besonders ausgeprägte innere Energie, die vermutlich daraus resultiert, dass in kleineren Ortschaften nicht viel los ist und der aufgestaute Tatendrang kein Ziel findet, an dem er sich abarbeiten kann. Manche ertränken diese Energie im Alkohol, andere entfliehen der provinziellen Eingeengtheit und suchen ihr Glück in der Stadt. Diese Neuankömmlinge sind dann entweder mit all dem Chaos und den vielen Ereignissen, die in einer Stadt gleichzeitig passieren, völlig überfordert und resignieren, oder sie lernen, sich genauso wie Städter auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren und alles Nebensächliche auszublenden. Derart fokussiert, entdecken sie gelegentlich zwischen all den tausend Möglichkeiten die eine, bisher unerforschte Chance und erschaffen daraus mit ihrer Kreativität unbekanntes, spannendes Neuland.
Renatas Energie war ansteckend, und Werner ließ sich gern mitreißen. Ihre anfängliche Scheu war lebenslustigem Tatendrang gewichen und riss sie beide hinaus in den Trubel der Stadt. Mit dem Taxi hatten sie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt schnell abgehakt, Burgviertel, Fischerbastei, Parlament und Markthalle waren innerhalb von drei Stunden hinreichend untersucht. Weder Renata noch Werner gehörten zu dem Menschenschlag, der stundenlang vor einem Kunstwerk meditierte. Deshalb landeten sie schnell vor dem Gerbeaud, einem bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebten Café. Sehen und gesehen werden! Renata zeigte mit jammervollem Blick auf die Preisliste, aber Werner zerstreute ihre Befürchtungen: „Schon gut, ich übernehm das.“
Die Odyssee endete schließlich im Stadtpark, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und ihr verbliebener Schein mit überwältigender Schönheit die Blicke aller Gestrandeten auf sich zog. Über ihnen erhob sich ein gigantischer See aus rosafarbenem Licht mit einer kleinen Wolkeninsel mittendrin. Die winzigen Menschenwesen an seinem Ufer staunten in Ehrfurcht und lauschten der Musik. Wenige Meter von ihrem Platz auf der Wiese entfernt spielte eine junge Combo alte Volksweisen mit romantischem, wehmütigem Timbre. Um sie herum versammelten sich Zuhörer unterschiedlichen Alters, zwei Gaukler warfen sich Jonglierbälle zu und versuchten, ein paar Neugierigen ihre Tricks beizubringen, während sich zwei Schachspieler bemühten, ihre Tricks voreinander zu verbergen. Mit dem schwindenden Licht kehrte auch die Kühle des Herbstes zurück.
Fortsetzung folgt …
